IEA-Chef Birol nennt den deutschen Atomausstieg „historischen Fehler“

Fatih Birol hält Deutschlands Doppelstrategie für riskant, denn das Land steigt aus Kohle und Kernenergie aus, will aber Industriestandort bleiben. Der Chef der Internationalen Energieagentur spricht von einem „historischen Fehler“. Gleichzeitig setzt er auf einen Kurswechsel unter Kanzler Friedrich Merz, weil Merz den Atomausstieg als „schweren strategischen Fehler“ bezeichnet hat. Birol sagt dazu: „Ich habe mich sehr gefreut, diese Worte vom Kanzler zu hören“ (welt: 05.02.26).


Weltweiter Nuklear-Backlash – Sicherheit und Stromhunger treiben die Rückkehr

International dreht der Trend klar Richtung Kernenergie, weil viele Staaten Versorgungssicherheit priorisieren. Birol beschreibt zwei Haupttreiber: Länder wollen mehr Strom im eigenen Land erzeugen, außerdem wächst der Bedarf durch künstliche Intelligenz, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge. 2025 erreichte die Stromproduktion aus Kernenergie laut Birol einen Rekord von 2860 Terawattstunden. Parallel entstehen weltweit rund 70 Gigawatt neue Kernkraftleistung, was den höchsten Stand seit etwa drei Jahrzehnten markiert.

Birol nennt Atomausstieg „historischen Fehler“ – „Fast die ganze Welt setzt wieder auf Kernenergie. Das sollte den Deutschen zu denken geben“
Birol nennt Atomausstieg „historischen Fehler“ – „Fast die ganze Welt setzt wieder auf Kernenergie. Das sollte den Deutschen zu denken geben“

Birol vergleicht Deutschland mit anderen Ländern und verweist darauf, dass sich die Technologie nicht grundlegend unterscheidet. Hohe Anfangsinvestitionen kennt jedes Land, jedoch sieht er die Debatte oft zu einseitig. Die Betriebskosten bleiben niedrig und auch die Brennstoffkosten fallen kaum ins Gewicht. Deshalb liege das Kostenniveau aus seiner Sicht nicht dramatisch über gasbetriebenen Kraftwerken, während die Planung höher ausfalle.

Kosten, Endlager, Bauzeit – Birol sieht den Fehler vor allem in der Politik

Für Birol entscheidet am Ende die Politik, denn ohne Willen entstehen weder neue Anlagen noch stabile Rahmenbedingungen. Er betont den Vorteil der Kernenergie mit einem Satz, der in Deutschland provoziert: „Man drückt auf den Knopf, und der Strom ist da.“ Damit meint er Verfügbarkeit rund um die Uhr, während wetterabhängige Quellen allein nicht jede Lastspitze abdecken. Seine Spitze gegen Berlin formuliert er bewusst zugespitzt: „Fast die ganze Welt setzt wieder auf Kernenergie. Das sollte den Deutschen zu denken geben.“

Gleichzeitig räumt Birol ein, dass ein unmittelbarer deutscher Wiedereinstieg schwierig wäre, weil die Stimmung im Land und die praktische Reaktivierung stillgelegter Reaktoren hohe Hürden schaffen. Trotzdem fordert er einen „nüchternen zweiten Blick“. Schon ein einzelnes Kraftwerk am Netz würde aus seiner Sicht spürbar helfen, zumal jede gesicherte Terawattstunde den Importdruck senken kann.

Mini-Reaktoren als Hebel: Markteintritt ab 2030er und sinkende Stückkosten

Birol lenkt den Blick auf kleine modulare Reaktoren, sogenannte SMR, denn viele europäische Staaten planen genau damit. Er erwartet den Markteintritt Anfang der 2030er-Jahre. Diese Anlagen sollen günstiger werden, schneller entstehen und einfacher zu betreiben sein, wobei die ersten Projekte laut Birol naturgemäß am teuersten ausfallen. Er verweist auf Italien: Nach zwei Referenden gegen Kernenergie setzt die Regierung nun auf die Rückkehr per SMR.

Beim Preis argumentiert Birol mit Lerneffekten, weil Serienfertigung und Erfahrung die Kurve drücken. Er rechnet damit, dass die Kosten bis Mitte der 2030er-Jahre um etwa 25 bis 30 Prozent sinken. Zugleich mahnt er bei der Partnerwahl zur Vorsicht, denn Abhängigkeiten wirken langfristig. Sein Bild ist drastisch: „Die Entscheidung für einen nuklearen Partner sollte so sorgfältig bedacht werden wie eine Ehe.“


Mehr Eigenstrom, mehr Souveränität – Birol warnt vor Abhängigkeiten

Birol verknüpft Kernenergie mit Geopolitik, weil er die Welt „immer gefährlicher“ sieht und Strom als Souveränitätsfrage beschreibt. Er erwartet deutlich mehr Nachfrage in Deutschland – aus Industrie, Verkehr und Haushalten –, während erneuerbare Energien allein nicht reichen dürften. Er nennt Solar wichtig, aber begrenzt, und Wind als stark, aber nicht allein tragfähig. Deshalb fordert er zusätzliche verlässliche Quellen, sofern Politik und Bevölkerung einen neuen Konsens tragen.

Als Beispiel nennt Birol Japan nach Fukushima, denn dort habe sich die öffentliche Haltung verändert, als die Strompreise stiegen. Er bewertet Kernfusion positiver als manche Kritiker, jedoch klar mit Zeithorizont: „Ich würde es keinen wilden Traum nennen, sondern einen schönen.“ Für heute und morgen liefert Fusion keine Lösung, sondern eher „vielleicht von übermorgen“.

Zum Schluss kritisiert Birol Deutschlands frühere Energieentscheidungen scharf, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit geschwächt hätten. Er nennt zwei „historische Fehler“: die übermäßige Abhängigkeit von Russland und den Ausstieg aus der Kernenergie. Das Eingeständnis von Merz wertet er als Signal, dass Berlin wieder rationaler handeln könnte. Birols Kernbotschaft bleibt einfach: Deutschland braucht reichlich verfügbaren Strom für Modernisierung, Wohlstand und Energiesicherheit.

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