In Deutschland wächst seit den 2020er-Jahren die Sorge vor Erdgas-Mangel, obwohl das Land nach Angaben des früheren Chefs der deutschen Rohstoff-Behörde, Professor Hans-Joachim Kümpel, große heimische Schiefergas-Ressourcen besitzt. Anlass ist das gesetzliche Verbot von Fracking zur Förderung von Erdgas aus Tonsteinen und Kohleflözen, das seit den 2010ern gilt und die Nutzung dieser Lagerstätten blockiert. Kümpel bewertet als zentralen Eskalationsfaktor, dass Politik das Verfahren zum Symbolkampf machte, obwohl Technik und Regulierung Risiken begrenzen könnten. Als Folge kaufe Deutschland Erdgas teuer am Weltmarkt ein, werde zugleich abhängiger von Lieferketten und Förderstandards anderer Länder und bleibe in kalten Wintern anfälliger für Engpässe (welt: 20.02.26).
Das Verbot und die Größenordnung der heimischen Schiefergas-Vorräte
Kümpel verweist auf Daten zu unkonventionellen Lagerstätten in 1000 bis 5000 Metern Tiefe. Demnach könnten 320 bis 2030 Milliarden Kubikmeter Schiefergas gewinnbar sein, wobei er einen realistischen Mittelwert von rund 800 Milliarden Kubikmetern nennt. Das entspreche laut seiner Einordnung dem 20-Fachen der noch verbleibenden konventionellen Erdgasmenge in Deutschland, die durch laufende Förderung jährlich um etwa zehn Prozent sinke.

Aus diesen Mengen leitet Kümpel mögliche Jahresförderungen von rund 20 Milliarden Kubikmetern ab, also über Jahrzehnte. Deutschland könne damit, solange es Gas brauche, etwa ein Viertel des heutigen Bedarfs aus eigener Produktion decken. Genau deshalb bewertet er das Verbot als strategische Selbstfesselung, weil es Versorgungsspielräume schließe.
LNG-Importe als Kosten- und Emissionshebel
Kümpel stellt dem heimischen Szenario die Importlogik gegenüber, weil Deutschland stark auf LNG setzt. LNG bedeute, dass Gas in Übersee gefördert, stark heruntergekühlt, über Ozeane transportiert und hier wieder regasifiziert werde, was zusätzlichen Energieaufwand verursache. Dadurch entstünden zusätzliche Emissionen, während Deutschland zugleich stärker von Lieferländern abhänge, deren Förderstandards es nicht steuern könne.
In Kümpels Lesart verkauft Deutschland diese Kette dennoch als „vernünftig“, obwohl sie das System teurer mache. Außerdem wachse die Verwundbarkeit gegenüber geopolitischen Spannungen, weil mehrere Stationen und Verträge gleichzeitig stabil bleiben müssen. Deshalb sieht er eine doppelte Belastung aus Preisrisiko und Versorgungslücke.
Streit um Risiken: Technik, Auflagen und Angstbilder
Kümpel trennt in der Debatte zwischen Bildern und messbaren Risiken. Er betont, dass Behörden Fracking nur genehmigen würden, wenn Grundwasserschutz, Bohrplatzsicherung, Verrohrung, Zementierung, Leckage-Überwachung und Abwasser-Handling strenge Vorgaben erfüllen. Deshalb sagt er wörtlich: „Die Schreckensszenarien sind ausgedacht“. Er weist auch das oft bemühte Erdbeben-Argument zurück, weil bei unkonventionellen Lagerstätten keine großräumigen Druckunterschiede wie bei bestimmten konventionellen Förderungen entstünden.
Als Schlüsselmoment nennt Kümpel die „Gasland“-Sequenz mit einem brennenden Wasserstrahl aus dem Hahn. Er bezeichnet die Szene als inszeniert und verweist auf isotopenanalytische Methoden, die den behaupteten Zusammenhang ausschließen könnten. Risiken blieben, jedoch ließen sie sich aus seiner Sicht überwachen und begrenzen, während die Debatte häufig das Gegenteil unterstelle.
Politische Dynamik, Ressortwechsel und ausgebliebene Neubewertung
Kümpel verortet den Wendepunkt in den 2010ern, als sich aus seiner Sicht eine Interessen-Koalition und emotionale Kampagnen verstärkten. Spektakuläre Bilder hätten Fachdebatten über Bohrtechnik, Hydrogeologie und Monitoring verdrängt, während politische Lager „Anti-Fracking“ als identitätsstiftend nutzten. Als Nutznießer nennt er unter anderem Gazprom, weil deutsche Fördermengen einen dominanten Lieferanten schwächen würden, zugleich lief Nord Stream 2 als geopolitisches Projekt.
Er schildert außerdem einen Ressortwechsel, der die Debatte verschoben habe. Wenn statt des Wirtschaftsministeriums das Umweltministerium federführend werde, kippe der Rahmen in Richtung „Wasserschutz-Alarm“. Der Bundestag hätte das Regelwerk laut Kümpel am Stand von Wissenschaft und Technik prüfen sollen, habe es jedoch unterlassen, weil politischer Gegenwind drohte. Dadurch bleibe Deutschland auf teure Weltmarkt-Beschaffung festgelegt.
CO₂-Bilanz und Geothermie-Perspektive als Nebenfolgen
Kümpel rechnet mit einer Klimawirkung, die der öffentlichen Erzählung widerspreche. Ohne das Fracking-Verbot wären seiner Darstellung nach in fünf Jahren 90 Millionen Tonnen CO₂ weniger angefallen, weil LNG-Importe energieintensiv seien und potenziell höhere Methanverluste entlang der Kette verursachen könnten. Er sieht darin eine Fehlsteuerung, die zugleich Kosten und Emissionen erhöhe.
Als zusätzlichen Effekt nennt er die spätere Nutzung tiefer Bohrungen für Geothermie. Tiefe Bohrungen seien der teuerste Teil vieler Geothermie-Projekte, deshalb könne vorhandene Infrastruktur die Anfangsinvestitionen senken. Nicht jede Bohrung werde automatisch ein Kraftwerk, jedoch entstünden Know-how und Anlagen, die erneuerbare Grundlast perspektivisch erleichtern könnten.
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