Forschungsreaktor FRM II der TU-München steht seit fast sechs Jahren still

Der Forschungsreaktor FRM II der TU München steht seit fast sechs Jahren still, obwohl er als Neutronenquelle gebraucht wird. Dadurch fehlen medizinische Radioisotope und zugleich bleibt der Atommülltransport in der Warteschleife. Gleichzeitig streiten Kritiker und Betreiber weiter über den Brennstoff, weil der Reaktor derzeit mit hoch angereichertem Uran betrieben werden darf (welt: 12.01.26).


Was der Stillstand beim Forschungsreaktor sofort auslöst

Der Stillstand verschiebt Experimente, verzögert Industrieaufträge und erschwert die Versorgung mit medizinischen Radioisotopen. Deshalb weichen Arbeitsgruppen auf andere Anlagen aus und das kostet Zeit sowie Planungssicherheit. Zugleich werden Projekte neu priorisiert, weil Messzeit an einer großen Neutronenquelle selten ist.

Der Forschungsreaktor der TU München steht seit fast sechs Jahren still – dringend benötigte medizinische Radioisotope werden knapp
Bild: Graf-flugplatzCC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Auch aus der Industrie kommen Anfragen, vor allem aus Materialprüfung und Gesundheitswirtschaft. Bereits geschlossene Verträge zeigen, dass Unternehmen mit einer Rückkehr rechnen. Dennoch bleibt die Lage fragil, weil Liefertermine ohne verlässliches Startdatum kaum zu halten sind.

Atommülltransport und Abklingbecken: Logistik als zweite Baustelle

Außerdem ist das Abklingbecken in Garching für abgebrannte Brennelemente nahezu voll. Deshalb rückt der Atommülltransport nach Ahaus in den Fokus, sobald der Forschungsreaktor wieder Leistung bringt. Die Genehmigung für Transport und Einlagerung gilt bis Sommer 2027 und damit läuft eine Frist, die in Sicherheitsfragen selten ohne Debatte bleibt.

Allerdings bleibt der Termin aus Sicherheitsgründen geheim. Trotzdem steht fest, dass jeder weitere Aufschub den Handlungsspielraum verkleinert, weil die Lagerkapazität am Standort nicht mit dem Bedarf wächst. Damit wird der nächste Atommülltransport zu einer Frage der Betriebspraxis, nicht nur der Politik.

Gerichte schaffen Klarheit beim hoch angereicherten Uran

Währenddessen ist eine juristische Hürde gefallen. Klagen gegen den Betrieb mit hoch angereichertem Uran scheiterten und damit ist der Weiterbetrieb mit diesem Brennstoff rechtlich möglich. Kritiker argumentieren mit Proliferationsrisiken, weil hoch angereichertes Uran aus ihrer Sicht eine sicherheitspolitische Dimension hat.

Die Betreiber verweisen dagegen auf technische Hürden einer missbräuchlichen Nutzung. Für eine Waffenfähigkeit brauche es spezielle Wiederaufbereitung und solche Anlagen existierten nur in wenigen Ländern.

Zentralkanal als Kernproblem: Fertigung dauert seit Jahren

Am Ende entscheidet jedoch ein Bauteil über den Neustart: der Zentralkanal. Er trägt das Brennelement und ohne ihn liefert die Neutronenquelle keine Strahlzeit. Was nach Routine klingt, hat sich zu einer technischen Geduldsprobe entwickelt, weil der Ersatz schon 2013 bestellt wurde und ursprünglich 2014 hätte kommen sollen.

FRM-II-Sprecherin Anke Görg beschreibt den Aufwand ohne Beschönigung: «Niemand hätte gedacht, dass die Fertigung des Zentralkanals so aufwendig ist». Zugleich dämpft sie Erwartungen an ein Datum: «Dies lässt uns aktuell keine präzise Aussage zum Wiederanfahren treffen.» Dennoch formuliert sie das Ziel klar: «Für 2026 wünschen wir uns nichts lieber als viele Neutronen für die Wissenschaft am FRM II.»


Neuer Brennstoff: Fortschritt, aber keine schnelle Lösung

Indes arbeiten die Betreiber an einem Brennstoff mit weniger als 20 Prozent Anreicherung. Ein wichtiger Test galt kurz vor Weihnachten als erfolgreich, und der Genehmigungsantrag wurde noch vor dem Jahreswechsel eingereicht. Trotzdem bleibt der Zeithorizont lang, denn einsatzfähige Brennstäbe werden erst für die frühen 2030er Jahre erwartet.

Bis dahin bleibt der Forschungsreaktor in einer Übergangsphase, und die Neutronenquelle hängt am Fortschritt beim Zentralkanal. Für Kliniken zählt jedoch jeder Ausfalltag, weil Radionuklide als Alternative zu Radioisotopen nicht beliebig skalierbar sind. Auch die Industrie kalkuliert neu, weil Materialtests und Prozessentwicklung ohne verlässliche Messfenster an Präzision verlieren.

Begriffe und Konfliktlinien: Warum die Debatte nicht abebbt

Schließlich bündeln sich Technik, Recht und Akzeptanzfragen in wenigen Begriffen. Der Castortransport steht als Synonym für den Atommülltransport, und er wirkt auf die Öffentlichkeit anders als ein Genehmigungsbescheid. Deshalb bleibt jede Bewegung in Richtung Transport politisch aufgeladen, auch wenn der Ablauf rechtlich geregelt ist.

Gleichzeitig bleibt die Diskussion um hoch angereichertes Uran präsent, weil Sicherheitsbedenken nicht mit einem Urteil verschwinden. Und während ein Versuchsreaktor wie der FRM II dem wissenschaftlichen Betrieb dient, entscheidet in der Praxis oft die Verfügbarkeit von Infrastruktur: Ohne stabile Neutronenstrahler-Kapazität geraten Forschungspläne, Lieferketten und medizinische Versorgung gleichzeitig ins Rutschen.

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