Enpal löst Kundenservice auf und entlässt fast 100 Mitarbeiter sofort

Am Berliner Standort von Enpal hat das Energie-Startup an einem Dienstag bei einem Townhall-Meeting die komplette Kundenservice-Abteilung für Photovoltaik-Anlagen aufgelöst und 97 Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung entlassen. Auslöser ist ein seit rund einem Jahr vorbereiteter Umbau des Service-Modells, bei dem feste Kundenbegleiter die bisherigen Zuständigkeiten ersetzen sollen. Für die Betroffenen kam der Schritt jedoch ohne Vorwarnung am Tag der Verkündung. Kurz danach wurden ihre Systemzugänge gesperrt. Enpal bot nach eigenen Angaben Einzelgespräche, Freistellungen und Abfindungen an. Der Vorgang trifft das Unternehmen zudem in einer Phase, in der Enpal nach einer gescheiterten Betriebsratsgründung bereits unter Beobachtung stand (welt: 27.03.26).


Kündigungen kamen für Betroffene völlig überraschend

Viele Mitarbeiter hielten das Treffen zunächst für eine normale interne Veranstaltung. Dann wurde klar, dass es ihr letztes Meeting bei Enpal sein würde. Die Geschäftsführung der Enpal Customer GmbH war vor Ort, außerdem die Personalabteilung. Deshalb standen die Betroffenen binnen weniger Minuten vor einer endgültigen Entscheidung.

Energie-Startup Enpal löst den PV-Kundenservice auf und entlässt in Berlin 97 Mitarbeiter ohne Vorwarnung
Energie-Startup Enpal löst den PV-Kundenservice auf und entlässt in Berlin 97 Mitarbeiter ohne Vorwarnung

Nach Angaben des Unternehmens wurden alle entlassenen Mitarbeiter ordentlich gekündigt und zugleich freigestellt. Enpal-Manager Wolfgang Gründinger erklärte: „Alle betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in diesem Zuge ordentlich gekündigt und freigestellt“. Zusätzlich habe die Personalabteilung Einzelgespräche angeboten sowie „eine Abwicklungsvereinbarung einschließlich einer Abfindung in Höhe der doppelten Regelabfindung“. Wer später in die Firmengruppe zurückkehrt, muss diese Zahlung nach vorliegenden Informationen allerdings unter bestimmten Bedingungen zurückzahlen.

Enpal baute neues Modell parallel bereits auf

Während die gekündigten Mitarbeiter noch regulär arbeiteten, lief der Umbau des Kundenservice intern offenbar längst. Gründinger sagte, der Schritt sei „seit einem Jahr“ vorbereitet worden. Genau das verschärft den Eindruck eines harten Schnitts. Denn die Beschäftigten selbst erfuhren erst am Tag der Entlassung davon.

Enpal ersetzt das bisherige Modell nach eigenen Angaben durch feste Ansprechpartner, die Kunden durch den gesamten Prozess begleiten sollen. Gründinger beschreibt das neue System so: „Statt wechselnder Ansprechpartner unterschiedlicher Fachabteilungen gibt es künftig persönliche Kundenbegleiter, die als individuelle, zentrale Ansprechpartner für alle Themen für ihre Kunden agieren“. Enpal spricht dabei von „Bau- und Kundenbegleitern“. Außerdem seien bereits mehr als 100 solcher Stellen besetzt worden, teils intern und teils extern. Das Unternehmen verweist deshalb auf eine bereits erprobte Struktur und eine deutlich verbesserte Kundenzufriedenheit.


Kritik an Enpal wächst auch wegen früherer Konflikte

Die Massenentlassung fällt in eine Phase, in der Enpal ohnehin unter erhöhter öffentlicher Beobachtung steht. Ende Februar geriet das Unternehmen wegen einer gescheiterten Betriebsratsgründung in die Kritik. Dabei kam es laut Bericht zu auffälligen Szenen. Einige Mitarbeiter sangen nach dem gescheiterten Versuch: „Ihr könnt nach Hause gehen, ihr könnt nach Hause gehen …“. Der Spott richtete sich gegen die Initiatoren und anwesende Gewerkschaftsvertreter, während ranghohe Mitarbeiter den Ausgang offen positiv bewerteten.

Gerade deshalb erhält die Auflösung einer ganzen Service-Abteilung besonderes Gewicht. Sie betrifft nicht nur 97 Arbeitsplätze, sondern wirft ein grelles Licht auf den internen Umgang mit Umbauten und Personal. Zugleich ist Enpal kein Randakteur, sondern ein hoch bewertetes Energieunternehmen. In der letzten Finanzierungsrunde lag die Bewertung bei 2,3 Milliarden Euro. Bereits 2021 überschritt Enpal die Marke von einer Milliarde Euro und stieg damit zum Unicorn auf. Umso härter wirkt nun der Bruch zwischen schnellem Wachstum, neuem Serviceversprechen und der abrupten Trennung von fast 100 Mitarbeitern.

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