Die Forderung von IG-Metall-Chefin Christiane Benner zeigt die Hilflosigkeit der Funktionäre besonders deutlich. Unternehmen, die in Deutschland oder Europa verkaufen, sollen künftig auch hier produzieren. Das klingt nach Schutz für Arbeitsplätze, ist jedoch weitgehend Unsinn. Denn eine Exportnation kann offene Märkte nicht nutzen und zugleich Produktionszwang für andere verlangen. Außerdem hat die IG Metall die grüne Transformation der Industrie jahrelang politisch unterstützt. Zugleich klagt sie nun über Jobverluste, Verlagerungen und Deindustrialisierung. Genau dieser Widerspruch macht den Vorstoß so problematisch. Die Funktionäre bekämpfen heute Folgen einer Entwicklung, die sie lange selbst mitgetragen haben (bild: 26.04.26).
Funktionäre ersetzen Standortpolitik durch ökonomischen Unsinn
Deutschland lebt von Exporten. Maschinenbauer, Autohersteller, Chemiekonzerne und Zulieferer verkaufen weltweit. Diese Unternehmen profitieren davon, dass andere Länder keine Produktionspflicht verlangen. Genau deshalb wirkt Benners Forderung wie ein Bumerang. Wenn Deutschland solche Regeln aufstellt, könnten andere Staaten dasselbe tun.

Dann müssten deutsche Unternehmen noch mehr im Ausland fertigen. Sie würden Produktion dorthin verlagern, wo ihre Absatzmärkte liegen. Die angebliche Schutzmaßnahme könnte also genau die Abwanderung beschleunigen. Wer das übersieht, versteht die Logik globaler Wertschöpfungsketten nicht.
Die Forderung ignoriert Kosten, Nachfrage und Wettbewerb
Unternehmen produzieren nicht dort, wo Funktionäre es verlangen. Sie produzieren dort, wo Kosten, Fachkräfte, Energiepreise, Steuern, Infrastruktur und Absatzchancen zusammenpassen. Wenn diese Bedingungen in Deutschland schlechter werden, helfen keine Parolen. Dann braucht der Standort bessere Rahmenbedingungen.
Eine Produktionspflicht würde Produkte verteuern. Sie würde Investitionen bremsen. Sie könnte Anbieter vom deutschen Markt abschrecken. Außerdem würde sie Verbraucher belasten, weil höhere Kosten weitergereicht werden. So entsteht keine industrielle Stärke, sondern weniger Auswahl und höhere Preise.
Funktionäre fordern Schutz vor den eigenen Folgen
Die grüne Transformation hat zentrale Geschäftsmodelle der Industrie verändert. Besonders die Autoindustrie spürt den Bruch. Verbrennungsmotoren, Getriebe und klassische Zulieferteile verlieren Bedeutung. Batterien, Software und Rohstoffketten liegen jedoch oft außerhalb Deutschlands.
Die IG Metall hat diesen Kurs lange mitgetragen. Sie fordert weiterhin Kaufprämien, Ladeinfrastruktur, Batterieförderung und staatliche Eingriffe. Doch zugleich beklagt sie die Folgen für Beschäftigung und Wertschöpfung. Genau darin liegt der Widerspruch. Erst wird der Umbau politisch begrüßt, dann soll Zwang die Schäden begrenzen.
Protektionismus ist keine Industriepolitik
Benners Vorschlag erinnert an eine Planwirtschaftslogik. Der Staat soll Absatz, Produktion und Standortbindung politisch koppeln. Doch moderne Industrie funktioniert anders. Sie braucht verlässliche Energie, wettbewerbsfähige Kosten, schnelle Genehmigungen und offene Märkte. Ohne diese Grundlagen wandert Kapital ab.
Zugleich drohen rechtliche und handelspolitische Konflikte. Local-Content-Vorgaben gelten international schnell als problematisch. Andere Länder könnten deutsche Firmen benachteiligen. Dann träfe der Schaden vor allem jene Branchen, die heute noch erfolgreich exportieren.
Die Krise verlangt Ehrlichkeit statt Symbolpolitik
Die IG Metall benennt reale Probleme. Jobs gehen verloren. Betriebe verlagern Produktion. Forschung und Entwicklung geraten unter Druck. Doch Benners Antwort löst keines dieser Probleme. Sie zeigt vielmehr, wie hilflos die Debatte geworden ist.
Nötig wäre eine ehrliche Bilanz der Standortpolitik. Warum ist Energie in Deutschland so teuer? Warum dauern Genehmigungen so lange? Warum wandert Wertschöpfung ab? Warum wurde der industrielle Umbau ohne tragfähige Kostenrechnung vorangetrieben? Solange diese Fragen ausbleiben, bleibt die Forderung nach Produktionspflicht ein Symptom. Sie zeigt kein Konzept, sondern ein tiefes Unverständnis davon, wie Wirtschaft funktioniert.
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