Deutschland wieder Netto-Stromexporteur – warum die Erfolgsmeldung keine ist

Deutschland hat im ersten Quartal 2026 von Januar bis März erstmals seit Ende 2023 wieder mehr Strom exportiert als importiert. Die Bundesnetzagentur meldete 17,9 Terawattstunden Export und 15,3 Terawattstunden Import. Viele Medien machten aus dem Netto-Stromexport eine Erfolgsmeldung für die Energiewende (spiegel: 18.05.26). Doch die entscheidende wirtschaftliche Kennzahl fehlt in der offiziellen Darstellung: die Kostenbilanz. Die öffentlich zugänglichen Marktdaten zeigen nach Auswertung der Viertelstundenwerte für diesen Zeitraum einen negativen Saldo von 141,6 Millionen Euro. Das ist vielen Medien allerdings keine Meldung wert.


Erfolgsmeldung ohne zentrale Kostenrechnung

Der Nettoexport klingt zunächst nach Stärke. Deutschland lieferte mehr Strom ins Ausland, als es von dort bezog. Diese Mengenbilanz ist korrekt. Sie sagt jedoch wenig über den wirtschaftlichen Nutzen aus. Denn entscheidend ist nicht nur die Strommenge, sondern der Preis jeder Handelsperiode.

Deutschlands Netto-Stromexport klingt nach Erfolgsmeldung - doch die Kostenbilanz zeigt ein Minus von 141,60 Millionen Euro
Deutschlands Netto-Stromexport klingt nach Erfolgsmeldung – doch die Kostenbilanz zeigt ein Minus von 141,60 Millionen Euro

Die Bundesnetzagentur nennt diese Kostenbilanz nicht. Sie veröffentlicht dazu Mengen, Preise und Marktdaten, allerdings weniger schlagzeilenträchtig gut versteckt zum Download. Sie weist auch keine Quartalsrechnung mit Exporterlösen, Importkosten und Saldo aus. Wer diese Werte wissen will, muss deshalb die öffentlich zugänglichen Viertelstundendaten selbst zusammenführen und entsprechend auswerten.

Marktdaten zeigen ein anderes Bild

Laut den öffentlich zugänglichen Marktdaten exportierte Deutschland 16,604 Terawattstunden Strom. Gleichzeitig importierte Deutschland 14,908 Terawattstunden. Daraus ergibt sich zwar ein Exportüberschuss von 1,696 Terawattstunden. Die amtliche Quartalsmeldung nennt wegen ihrer Abgrenzung jedoch etwas höhere Gesamtwerte.

Die entscheidende Verschiebung zeigt sich erst beim Blick auf die Preise. Obwohl Deutschland mehr Strom ausführte als einführte, drehte die Wertbilanz ins Minus. Die Exporte brachten in der Spotmarkt-Bewertung rund 1,60 Milliarden Euro ein. Die Importe kosteten jedoch rund 1,74 Milliarden Euro. Unter dem Strich bleibt deshalb ein Minus von 141,60 Millionen Euro

Das Importargument trägt nur begrenzt

Häufig heißt es, Deutschland importiere Strom nur deshalb, weil ausländischer Strom billiger sei. Diese Aussage stimmt im Einzelfall oft. Sie beschreibt jedoch nur die Marktlogik einer konkreten Handelsperiode. Ein Import kann günstiger sein als der Einsatz eines teureren deutschen Kraftwerks.

Doch dieses Argument beantwortet nicht die Quartalsbilanz. Es vergleicht Importstrom mit möglicher heimischer Erzeugung. Es vergleicht jedoch nicht Importkosten mit Exporterlösen. Genau dort liegt der entscheidende Unterschied.

Deutschland verkauft häufig billig und kauft teuer

Deutschland exportiert häufig bei hoher Einspeisung aus Wind und Sonne. Dann fallen die Börsenpreise. Nachbarländer können deutschen Strom günstig aufnehmen. Die Exportmenge steigt deshalb, doch der Erlös bleibt begrenzt.

Bei geringer Einspeisung dreht sich das Bild. Dann muss Deutschland häufiger Strom einkaufen. Dieser Strom kommt oft zu höheren Preisen. Deshalb lag der gewichtete Exportpreis bei 96,47 Euro je Megawattstunde, während der gewichtete Importpreis 117,03 Euro je Megawattstunde erreichte.


Negativpreise verschärfen die Bilanz

Besonders deutlich wird das Problem bei negativen Preisen. Dann zahlen Anbieter rechnerisch dafür, dass Strom abgenommen wird. Trotzdem erscheinen diese Mengen in der Exportstatistik. Für die Kostenrechnung zählen sie jedoch als Belastung.

Die Marktdaten weisen 1,252 Terawattstunden Export zu Negativpreisen aus. Daraus entstand ein rechnerischer Minuswert von 30,8 Millionen Euro. Gleichzeitig importierte Deutschland 0,549 Terawattstunden zu negativen Preisen. Das entlastete die Bilanz um 12,8 Millionen Euro.

Ein Teil des Exports hatte keinen positiven Marktwert

Netto blieb aus diesen Handelsperioden dennoch eine Belastung von 18,0 Millionen Euro. Hinzu kam eine Handelsperiode mit genau null Euro je Megawattstunde. Damit gingen insgesamt 1,254 Terawattstunden zu null oder zu negativen Preisen ins Ausland. Das entspricht 7,55 Prozent der gesamten Exportmenge in den ausgewerteten Marktdaten.

Diese Zahl relativiert die Erfolgsmeldung deutlich. Eine exportierte Megawattstunde ist kein wirtschaftlicher Erfolg, wenn sie keinen positiven Preis erzielt. Noch problematischer wird sie bei negativen Preisen. Dann erhöht sie zwar die Exportmenge, belastet jedoch zugleich die Wertbilanz.

Die eigentliche Nachricht steckt in der fehlenden Bilanz

Der Strom-Nettoexport im ersten Quartal 2026 ist eine reale Entwicklung. Er belegt jedoch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Die offizielle Meldung zeigt die Mengenbilanz. Die Kostenbilanz fehlt.

Gerade diese Lücke ist wesentlich. Eine positive Kostenbilanz wäre ein starkes Argument für die öffentliche Erfolgsmeldung. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass ein positiver Saldo prominenter kommuniziert würde. Belegen lässt sich diese Absicht nicht. Fest steht jedoch: Veröffentlicht wurde diese Zahl nicht.

Die öffentlich zugänglichen Marktdaten liefern deshalb ein nüchterneres Bild. Deutschland exportierte mehr Strom, verkaufte ihn aber im Schnitt günstiger, als es Importstrom einkaufte. Zudem floss ein relevanter Anteil zu null oder negativen Preisen ins Ausland. Die Mengenbilanz liefert die positive Schlagzeile. Die Kostenbilanz zeigt das Minus.

Lesen Sie auch:

Nach oben scrollen