Deutsche Stahlindustrie legt grüne Transformation auf Eis

In Deutschland haben große Stahlkonzerne seit 2025 zentrale Projekte zur grünen Transformation gestoppt oder vertagt: ArcelorMittal legte den klimaneutral geplanten Umbau am Standort Hamburg auf Eis, Salzgitter bremst bis mindestens 2028/2029 und Thyssenkrupp koppelt Investitionen an ein Sparprogramm. Auslöser sind fehlender und teurer grüner Wasserstoff, volatile und teils hohe Strompreise, sowie Preis- und Nachfragedruck im Markt. Außerdem verschärfen US-Strafzölle die Lage, weil Exporte in die USA seit März 2025 mit 50 Prozent Zusatzabgaben belastet sind. Dadurch geraten rund 80.000 Arbeitsplätze in der Branche in Gefahr, während Deutschlands Klimaziele bis 2030 und die Klimaneutralität 2045 schwieriger erreichbar werden (deutschlandfunkkultur: 17.02.26).


Grüne Transformation – Risiko schlägt Vision

ArcelorMittal wollte das Hamburger Stahlwerk zum ersten klimaneutral produzierenden Werk Deutschlands entwickeln, doch der Konzern stoppte den Plan Anfang 2025. Werkchef Uwe Braun beschreibt den Bruch so: „In erster Lesung hörte sich das alles fantastisch an, waren wir auch sehr begeistert, aber wenn man jetzt wirklich Zeile für Zeile nachliest, was sich da an Risiken auftut, sehe ich da … keine Grundlage, da weiterzumachen erstmal.“ Der Satz markiert eine neue Leitlinie: erst Risiko, dann Umbau. Damit wird ein früheres Leuchtturmprojekt zum Warnsignal.

Stahlkonzerne stoppen die grüne Transformation - Wasserstoffmangel, Strompreisschocks und Zölle bremsen grünen Stahl trotz Milliardenhilfe

Auch Salzgitter trat auf die Bremse, weil sich Rahmenbedingungen änderten. Konzernchef Gunnar Gröbler sagte im September 2025: „Was schwierig ist, wenn Investitionsentscheidungen getroffen wurden und dann ändert man die Spielregeln.“ Der Konzern will erst 2028 oder 2029 prüfen, ob er weiter investiert. Das verschiebt die grüne Transformation, während die Politik sofort Ergebnisse verlangt.

Riesa zeigt Fortschritt, jedoch regiert der Strompreis

Im sächsischen Riesa arbeitet Feralpi fast vollständig mit Schrott und das Werk steht damit für die Recyclingroute. General Manager Uwe Reinicke sagt: „Wir sind zu 98 Prozent ein Recyclingunternehmen“, außerdem betont er: „Unser Grundstoff … ist der Sekundärrohstoff Schrott.“ Feralpi betreibt einen Elektro-Lichtbogenofen, der deutlich weniger CO₂ ausstößt als Hochofenrouten. Trotzdem bleibt der Betrieb angreifbar, weil Strom zur Kostenfrage wird.

Die Strompreise stiegen stark und schwanken, deshalb schaltet Feralpi den Ofen an teuren Tagen ab. Reinicke beschreibt das als betriebliche Notwendigkeit, sonst werde die Produktion zu teuer. Damit hängt ausgerechnet die klimafreundlichere Route am Energiemarkt, währenddessen die grüne Transformation eigentlich Tempo bräuchte. Gleichzeitig drückt ein Preisverfall bei Stahl auf die Marge und Investitionen laufen weiter.

220 Millionen Euro für ein Vorzeige-Walzwerk, aber die Rechnung wackelt

Feralpi investierte 220 Millionen Euro in ein neues Walzwerk samt Umspannwerk. Der Konzern nennt es das erste emissionsfreie Walzwerk in Deutschland. Nach Unternehmensangaben arbeitet dieser Teil der Produktion ohne fossile Brennstoffe und CO₂-neutral, weil die Stahlriegel kaum nacherhitzt werden müssen. Das spart Energie, zugleich sinkt der CO₂-Ausstoß. Reinicke sagt jedoch, die Investition zahle sich nur langfristig aus, aber die wirtschaftliche Lage bleibe schwierig.

Hier zeigt sich das Grundproblem der grünen Transformation: Technik existiert, doch die Finanzierung hängt am Marktpreis. Wenn Stahl billig bleibt und Strom teuer, kippt die Rechnung. Dann wird selbst ein Vorzeigeprojekt zum Risiko.

Wasserstoffmangel, Zollschock, Nachfrageflaute

Der Umbau großer Hochofenwerke zielte auf grünen Wasserstoff, doch klimaneutraler Wasserstoff ist zu wenig verfügbar und zu teuer. Das zerlegt viele Kalkulationen, deshalb schieben Konzerne Projekte. Zusätzlich belastet der Außenhandel, weil Exporte in die USA seit März 2025 mit 50 Prozent Zusatzabgaben belegt sind. Das macht deutschen Stahl teurer und der Absatz sinkt.

Auch im Inland fehlt Druck von der Nachfrageseite, denn weniger Bau bedeutet weniger Stahlbedarf. Ökonom Patrick Kaczmaczek sagt, die Auftragseingänge liegen auf dem niedrigsten Niveau der letzten 30 Jahre, außerdem drängen Billigimporte aus Asien in den Markt. Unternehmen klagen über staatlich subventionierte Konkurrenz, während sie selbst hohe Energie- und Umbaukosten tragen. In dieser Lage rückt die grüne Transformation in vielen Vorständen nach hinten.


Industriestrompreis 2026: Hilfe mit Hürden, deshalb bleibt Unsicherheit

Anfang 2026 führte die Bundesregierung den Industriestrompreis ein und deckelte Netzentgelte, damit energieintensive Betriebe entlastet werden. Ziel sind rund fünf Cent pro Kilowattstunde, jedoch gilt die Regel nur 2026 bis 2028. Ohne sie zahlen Unternehmen mindestens das Doppelte. Parallel existieren andere Instrumente, aber sie lassen sich teils nicht kombinieren.

Reinicke kritisiert die Praxis: „So wie er jetzt aufgebaut ist, wird es schwierig sein“ für Feralpi, den Industriestrompreis zusätzlich zur Strompreiskompensation zu nutzen. Er nennt die Regelung „sehr bürokratisch“ und „nicht pragmatisch genug“, weil Auflagen und Nachweise die Beantragung erschweren. Damit kommt Entlastung nicht automatisch dort an, wo Strom die Produktion täglich stoppt, und das verlängert die Unsicherheit.

Staat, EU und Abnahme: Zu wenig Nachfrage für den Aufpreis

Staatssekretärin Gitta Connemann sagt, der Staat unterstütze Unternehmen, doch er könne Förderungen nicht erzwingen. „Zur Wahrheit gehört, dass nicht jedes Unternehmen derzeit bereit oder in der Lage ist, diesen Weg auch zu gehen“, erklärt sie. Michael Kellner fordert dagegen mehr Nachfrage über staatliche Beschaffung und er kritisiert die bisherige Größenordnung. Zur Bahn-Bestellung von grünem Stahl für 22 Kilometer Schiene sagt er: „Super, herzlichen Glückwunsch. Wir sind jetzt im Jahr 2026 und haben 22 Kilometer.“

Auf EU-Ebene soll der CO₂-Grenzausgleich CBAM Importstahl mit hohem CO₂-Ausstoß verteuern, damit EU-Stahl nicht benachteiligt wird. Bernd Lange (SPD) sagt: „Ich will ja nicht eindämmen, ich will sie gleich machen.“ Trotzdem wächst die Abwanderungsangst. Zwei von drei Industrieunternehmen erwähnen in einer Umfrage von BDI und Deloitte eine Verlagerung ins Ausland, wodurch Know-how verloren gehen könnte. Genau deshalb entscheidet sich jetzt, ob Deutschland industriell resilient bleibt, oder die grüne Transformation weiter vertagt.

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