Am 16. Februar stellten die Grünen ihren 10-Punkte-Plan zur Energiewende vor. Anlass war das angekündigte Netzpaket von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, das Netzanschlüsse priorisieren und den Ausbau von Wind- und Solarenergie begrenzen soll. Der Plan setzt dagegen auf noch mehr Zubau, noch mehr Netzinvestitionen und eine stärkere Steuerung von Verbrauch und Industrie über volatile Preissignale (gruene: 16.02.26). Der zentrale Risikofaktor liegt in der wachsenden Differenz zwischen politisch geforderten Ausbauzahlen und der realen Fähigkeit des Netzes, diese Einspeisung aufzunehmen und zu stabilisieren. Die Folgen drohen sich zu bündeln: steigende Netzentgelte, höhere Steuerlasten, mehr Eingriffe ins System sowie zusätzliche Unsicherheit für Industrieprozesse und Versorgungssicherheit in Dunkelflauten.
10-Punkte-Plan: Zehn Stellschrauben, aber keine belastbare Ausarbeitung
Die Grünen bündeln in ihrem 10-Punkte-Plan zentrale Forderungen zu Wind- und Solar-Ausbau, Netzen, Speichern, Steuern, Digitalisierung sowie Industrie und Verkehr. Damit skizzieren sie ein Maßnahmenpaket, jedoch bleiben Umsetzung, Prioritäten und Finanzierung in entscheidenden Punkten unklar. Deshalb folgt hier die Auflistung der zehn Punkte und der jeweils kritische Kernkonflikt.

1) Wind an Land: Ausschreibungen von 10 auf 15 GW pro Jahr erhöhen.
Das ist mengenfixierte Politik, jedoch ohne Nachweis eines Mehrwerts für Versorgungssicherheit. Mehr Anlagen erhöhen vor allem die Volatilität, währenddessen Dunkelflauten unverändert bleiben. Bei Hellbrise steigen Überschüsse, Abregelungen und negative Preise. Das produziert Kosten und Konflikte, aber keine garantierte Kilowattstunde im Ernstfall.
2) Recht auf Solar für alle.
Ein Anspruch klingt bürgernah, zugleich wird er zur Eintrittskarte in ein System, das ohnehin am Limit läuft. Wenn Einspeisung und Förderung dominieren, zahlen alle über Netzentgelte und Steuern. Die Verursacher tragen die Kollateralkosten nicht, währenddessen die Infrastruktur immer weiter aufgebläht wird. Das ist sozial verkauft, aber systemisch teuer.
3) Verteilnetz-Ausbauoffensive 2030.
Hier wird der teuerste Teil der Energiewende als „Offensive“ etikettiert. Verteilnetze lassen sich nicht beliebig schnell und nicht beliebig günstig verstärken. Jede zusätzliche Anschlusswelle treibt Netzentgelte, währenddessen Genehmigungen, Material und Baukapazitäten begrenzen. Ohne harte Prioritäten wird das zu einem Endlosprojekt mit steigender Rechnung.
4) Stromspeicher massiv ausbauen und systemdienlich steuern.
Der Speicherbegriff wird hier als Beruhigungsmittel genutzt. Kurzzeitspeicher glätten Minuten und Stunden, jedoch überbrücken sie keine mehrtägigen Dunkelflauten. Das Risiko ist politisch gefährlich: Man verkauft Sicherheit, währenddessen man nur Komfort einkauft. Am Ende bleibt die Lücke, und zusätzlich kommen neue Kostenblöcke.
Entlastung ankündigen, aber Finanzierung ungeklärt
5) Netzausbau billiger machen.
„Billiger“ entsteht nur, wenn man Kosten umetikettiert. Renditeverzicht oder staatliche Übernahme bedeutet: Steuerzahler statt Netzkunden, jedoch immer derselbe Zahlungsstrom. Das senkt keine Gesamtkosten, sondern verschiebt sie. Gleichzeitig steigt der politische Zugriff auf Infrastrukturbetreiber.
6) Stromsteuer senken und 600 Stunden kostenlosen Sommerstrom.
„Kostenlos“ ist hier ein Werbewort, weil Finanzierung und Gegenrechnung fehlen. Wenn der Staat zugleich mehr Netzkosten schultern soll, kollidieren Ausgaben und Einnahmen. Dann bleibt nur Verschuldung oder Umverteilung, währenddessen die strukturellen Kostentreiber unangetastet bleiben. Das ist Symbolpolitik mit Folgekosten.
Mehr Steuerung, mehr Abhängigkeit, mehr Eingriffe
7) Smart-Meter-Ausbau beschleunigen.
Smart Meter sind kein Kraftwerk, sondern ein Kontrollinstrument. Sie helfen, Knappheit zu verwalten, währenddessen sie Knappheit nicht beseitigen. In der Praxis wächst damit der Druck auf Laststeuerung und variable Tarife. Das macht Haushalte und Betriebe flexibler für das System, aber das System nicht stabiler für sie.
8) Kapazitätsmarkt technologieoffen statt auf große Gaskraftwerke.
Ein Kapazitätsmarkt ist ein Dauer-Abo für Vorhaltung. Kunden zahlen ganzjährig, obwohl unklar bleibt, wie oft die Leistung gebraucht wird. Das kann nötig sein, jedoch wird es zum Milliardentransfer, wenn die Ursachen der Knappheit weiter wachsen. „Technologieoffen“ bleibt außerdem leer, wenn zentrale Optionen politisch ausgeschlossen werden.
Elektrifizierung beschleunigen, obwohl das Fundament wackelt
9) Wärmepumpen und Elektromobilität beschleunigen, Netzentgelte senken.
Hier steht ein Widerspruch im Zentrum. Mehr Wärmepumpen und E-Autos erhöhen den Strombedarf und die Spitzenlasten, deshalb braucht es mehr Netzausbau. Gleichzeitig sollen Netzentgelte sinken, was die Finanzierung weiter entkernt. Förderforderungen verschieben die Last in den Haushalt, währenddessen die Bürger doppelt zahlen: über Steuern und über Strompreise.
10) Stromkosten für die Industrie senken und Elektrifizierung vorantreiben.
Der Plan zielt auf dynamische Netzentgelte und Verbrauchsverlagerung. Das heißt praktisch: Industrie soll dann laufen, wenn Wind und Sonne es zulassen. Viele Prozesse können das nicht, währenddessen Stillstände teuer sind und Lieferketten Taktung brauchen. Damit droht ein Standortmodell, das Produktion zur Nebenbedingung der Wetterlage macht.
Fazit: Mehr Ausbau als Reflex, aber keine Antwort auf die Versorgungssicherheit und Kosten
Der 10-Punkte-Plan setzt auf Beschleunigung, jedoch ersetzt Tempo keine Systemstatik. Mehr volatile Einspeisung ohne gesicherte Leistung erhöht Eingriffe und Reservebedarf. Entlastungsversprechen wirken widersprüchlich, weil sie Kosten nur verschieben. Der 10-Punkte-Plan liefert damit vor allem Forderungen, aber keine robuste Architektur für Preisstabilität, Netzrealität und Versorgungssicherheit.
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