In Deutschland schließen Werke, während Konzerne neue Kapazitäten in Osteuropa aufbauen. Das betrifft längst nicht mehr nur Zulieferer oder einzelne Standorte. Auch große DAX-Konzerne verlagern Produktion und Investitionen. Damit wandern Jobs, Lieferketten und Industrie-Know-how Schritt für Schritt ab. Ungarn zieht die meisten Unternehmen an (berliner-zeitung: 29.01.26).
DAX-Konzerne investieren Milliarden in Osteuropa
BMW steht für den Kurswechsel, weil der Konzern 2025 in Ungarn ein neues Werk in Debrecen eröffnet. Mehr als zwei Milliarden Euro Investitionen flossen in die Fabrik, die Modelle der „Neuen Klasse“ bauen soll. Langfristig sind dort über 2.000 Arbeitsplätze geplant und das Wachstum entsteht damit außerhalb Deutschlands.

Mercedes-Benz treibt denselben Ansatz in Ungarn voran, denn der Konzern erweitert sein Werk im Kecskemét mit rund einer Milliarde Euro. Die Kapazität soll auf 200.000 Fahrzeuge pro Jahr steigen, während die Produktion in Deutschland sinkt. Finanzvorstand Harald Wilhelm formulierte dazu eine klare Kostenstrategie. Der Anteil der Fertigung in Niedrigkostenländern soll von 15 Prozent im Jahr 2023 auf 30 Prozent bis 2030 wachsen.
Zulieferer folgen den OEMs, weil neue Lieferketten entstehen
Wenn Autohersteller neue Werke hochziehen, ziehen Zulieferer nach, weil kurze Wege Kosten senken. ZF Friedrichshafen baut in Ungarn neue Fabriken für Stoßdämpfer und Achsmodule, die künftige Elektromodelle beliefern sollen. Das Volumen für die Investitionen liegt bei rund 62 Millionen Euro, außerdem gibt es staatliche Zuschüsse.
Bosch eröffnete Anfang 2025 in Miskolc, ebenfalls in Ungarn, ein Logistik- und Lagerzentrum. Die Investitonen dafür belaufen sich auf 147,6 Millionen Euro. Dadurch verdichtet sich ein industrielles Netz, das sich von neuen Fahrzeugwerken bis zu Logistik und Komponentenfertigung spannt.
Werksschließungen in Deutschland zeigen den Preis der Verlagerung
Parallel verschwinden Standorte, obwohl einzelne Werke zuvor profitabel liefen. GKN Driveline gab den Standort Zwickau-Mosel auf, wodurch mehr als 800 Jobs wegfielen. Das Unternehmen begründete den Schritt mit Umbrüchen in der Autoindustrie, fallenden Preisen und steigenden Kosten. Zeitgleich entstand in Ungarn ein neues Werk, das von staatlicher Förderung profitierte.
Henkel zog sich aus Ostdeutschland zurück, weil das Klebstoff-Werk in Heidenau Ende 2024 schloss. Rund 40 Stellen entfielen. Die Produktion ging nach Környe in Ungarn. Brisant wirkt dabei eine frühere Zusage von Henkel-Chef Carsten Knobel. Ende August 2024 hatte er öffentlich erklärt, man werde kein Werk in Deutschland schließen.
Warum Konzerne abwandern: Löhne, Steuern und Tempo
Die Kostenschere bleibt der zentrale Treiber, denn sie verändert jede Standortrechnung. Ein Industriearbeiter verdient in Ungarn im Schnitt rund 1.500 Euro brutto im Monat, in Deutschland liegt der Wert bei über 4.600 Euro. Ungarn lockt zudem mit neun Prozent Körperschaftsteuer, während die effektive Belastung in Deutschland häufig um 30 Prozent liegt.
Auch die Verwaltungspraxis zählt, weil Genehmigungen Zeit und Geld entscheiden. Ungarn bietet bei Großprojekten schnelle Verfahren, Steuererleichterungen und günstiges Bauland. Marko Graf von der IHK Osnabrück beschreibt den Unterschied mit einem klaren Bild, weil Investoren in Deutschland zu selten den „roten Teppich“ bekommen.
Serbien als Exportplattform mit Freihandel
Serbien zieht ebenfalls deutsche Projekte an, obwohl es nicht zur EU gehört. Continental eröffnete 2023 bei Novi Sad eine Elektronikfabrik für Displays und Infotainment-Systeme. ZF betreibt seit 2019 ein Werk im serbischen Pančevo und baute es später aus. Dazu kommt Boysen mit einer großen Auslandsfabrik in Subotica.
Der entscheidende Vorteil liegt im Außenhandel, denn Serbien hat Freihandelsabkommen mit der EU, der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Türkei, Großbritannien und seit Oktober 2023 auch mit China. Dadurch können Waren aus Serbien zollfrei in sehr große Absatzräume gelangen. Sonderwirtschaftszonen bieten zusätzliche Erleichterungen, und das erhöht die Attraktivität gegenüber teuren Standorten.
Am Ende zeigt sich ein Muster: DAX-Konzerne verlagern Zukunftskapazitäten nach Osteuropa und ihre Zulieferer folgen. Gleichzeitig bleiben in Deutschland höhere Energiepreise, komplexe Verfahren und hohe Abgaben. Für viele Vorstände ergibt sich daraus eine nüchterne Schlussfolgerung, und sie fällt immer häufiger zugunsten von Osteuropa aus.
Lesen Sie auch:
- DAX-Konzerne im Abwärtsstrudel – Deutschland wird zum Verlustgeschäft
- Schaeffler schließt Werke: Produktion wandert nach Osteuropa
- Zulieferer warnen – deutsche Automobilindustrie ist nicht mehr wettbewerbsfähig
- Investitionen brechen ein: ifo-Daten zeigen den Vertrauensverlust in den Standort Deutschland
