In Berlin haben BEW Berliner Energie und Wärme, 50Hertz und Stromnetz Berlin am Heizkraftwerk Mitte den Bau eines neuen Riesen-Tauchsieders für die Fernwärme gestartet, der bis Ende 2028 überschüssigen Wind- und Solarstrom in Wärme umwandeln soll. Der Baubeginn wurde am 11. Mai 2026 bekannt. Die Anlage soll 120 Megawatt Leistung erreichen und zählt damit zu den größeren Power-to-Heat-Projekten in Europa. Auslöser sind wachsende Stromüberschüsse, Netzengpässe und hohe Redispatch-Kosten im Nordosten Deutschlands, während Berlin seine Fernwärme noch stark mit fossilen Energieträgern erzeugt. Der zentrale Schwachpunkt liegt jedoch im Zeitprofil: Solarüberschuss entstehen vor allem im Sommer, während der Wärmebedarf dann besonders niedrig ist. Die Anlage kann deshalb Netzprobleme entschärfen, aber sie löst weder das Winterproblem noch die Abhängigkeit von gesicherter Wärmeerzeugung (fr: 11.05.26).
Sommerstrom trifft auf geringen Wärmebedarf
Die neue Anlage arbeitet technisch wie ein großer Tauchsieder. Drei Elektrodenkessel sollen jeweils 40 Megawatt thermische Leistung liefern. Außerdem können sie bei Bedarf schnell hochfahren.

Das hilft vor allem bei kurzfristigen Netzengpässen. Zugleich bleibt der Nutzen stark vom Zeitpunkt der Stromüberschüsse abhängig. Viel Solarstrom fällt an langen Sommertagen an, während Fernwärme dann kaum für Raumheizung gebraucht wird.
Tauchsieder hilft nur bei zeitgleichen Stromüberschüssen
Im Sommer benötigt das Fernwärmenetz vor allem Energie für Warmwasser. Deshalb wirken rechnerische Versorgungszahlen in dieser Jahreszeit besonders hoch. Sie sagen jedoch wenig über den Beitrag zur Heizwärme im Winter aus.
Im Winter steigt der Wärmebedarf deutlich. Zugleich liefern Solaranlagen deutlich weniger Strom als im Sommer. Der Tauchsieder hilft deshalb nur in jenen Stunden, in denen viel Windstrom anfällt und zugleich ein Netzengpass besteht. Das dürfte sich allerdings auf wenige Stunden beschränken.
Tauchsieder kann das saisonale Problem nicht lösen
Wärmespeicher können Lastspitzen glätten und kurze Zeiträume überbrücken. Sie helfen jedoch vor allem über Stunden oder wenige Tage. Für den wirtschaftlichen Ausgleich zwischen Sommerstrom und Winterwärme reichen sie kaum aus.
Deshalb löst der Tauchsieder das saisonale Grundproblem nicht. Die Stromproduktion aus Solaranlagen und der Bedarf an Heizwärme fallen zeitlich auseinander. Gerade in Dunkelflauten braucht Berlin deshalb Anlagen, die unabhängig von Sonne und Wind liefern.
Erdgas bleibt trotz neuer Technik relevant
Berlin will seine Fernwärme spätestens 2045 klimaneutral machen. Bisher liefern jedoch Erdgas-Kraftwerke einen großen Teil der Wärme. Außerdem laufen noch Kohleanlagen, deren Ausstieg spätestens 2030 erfolgen soll.
Die neue Power-to-Heat-Anlage kann fossile Wärmeerzeugung nur dann verdrängen, wenn ausreichend günstiger Ökostrom verfügbar ist. Dieser Effekt bleibt wetter- und marktbedingt schwankend. Deshalb eignet sich die Technik eher als Ergänzung denn als tragende Säule der Wärmeversorgung.
Netzstabilität wird ins Wärmesystem verlagert
Die Investitionskosten liegen bei bis zu 75 Millionen Euro. Den wesentlichen Finanzierungsanteil trägt 50Hertz. Außerdem erhält der Übertragungsnetzbetreiber über einen Redispatch-Vertrag Zugriff auf die Steuerung der Anlage.
Das zeigt den eigentlichen Zweck des Vorhabens. Der Tauchsieder dient nicht nur der Wärmewende, sondern auch dem Management von Netzengpässen. Deshalb verschiebt das Projekt Kosten und Komplexität aus dem Stromsystem in die Fernwärme.
Nutzen bleibt auf bestimmte Situationen begrenzt
Für Berlin kann die Anlage trotzdem Vorteile bringen. Sie nutzt Stromspitzen, senkt Abregelungen und kann zeitweise CO2-Emissionen reduzieren. Außerdem schafft sie eine zusätzliche flexible Last im überlasteten Stromnetz.
Doch die Grenzen bleiben deutlich. Überschussstrom entsteht nicht automatisch dann, wenn Berlin Wärme braucht. Deshalb bleibt das Projekt ein Netzstabilisator mit Wärmenutzen, aber keine verlässliche Antwort auf die saisonalen Schwächen der Energiewende.
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