Die britische Großbank Barclays, eine der weltweit größten Investmentbanken und Finanzdienstleister, hat Anfang März 2026 Investoren vor steigenden Risiken bei Anlagen in erneuerbare Energien gewarnt. Auslöser ist laut einer Analyse der Bank nicht ein Mangel an Wind- oder Solarprojekten, sondern vor allem das schwache Zusammenspiel mit dem Stromnetz. Wenn neue Anlagen ihren Strom nicht zuverlässig einspeisen können, drohen nach Einschätzung der Autoren sogenannte „stranded-like outcomes“, also Vermögenswerte mit stark sinkendem Nutzwert. Der Hintergrund ist brisant, denn trotz Rekordinvestitionen in saubere Energie bleibt der weltweite Verbrauch von Öl, Gas und Kohle hoch, während Energieversorgung und Preisstabilität vielerorts Vorrang vor Klimazielen erhalten. Für Investoren, Projektentwickler und Energieversorger wächst deshalb das Risiko von Verzögerungen, Mehrkosten und sinkenden Bewertungen (bfsi.economictimes.indiatimes: 05.03.26).
Netzengpässe werden für Wind- und Solarparks zum Kernproblem
Nach Darstellung von Barclays verschiebt sich der Blick auf das eigentliche Risiko der Energiewende. Bisher galt vor allem die fossile Industrie als klassischer Kandidat für gestrandete Vermögenswerte. Jetzt geraten jedoch auch Wind- und Solarprojekte ins Visier, wenn der Netzanschluss scheitert oder sich zu lange verzögert. Deshalb hängt der Wert solcher Anlagen zunehmend nicht nur von der Technik, sondern vom Anschluss an Verteil- und Übertragungsnetze ab.

Daniel Hanna, Leiter für nachhaltige und Transformationsfinanzierung bei Barclays und Mitautor des Papiers, macht den Punkt klar. Nicht die Erneuerbaren selbst seien das Problem, sondern ein System, das mit dem Ausbau nicht Schritt halte. Genau dort entsteht laut Barclays ein neues Feld problematischer Projekte, zugleich aber auch ein Markt für Investoren, die Engpässe früh erkennen und Infrastruktur verbessern.
Hohe Fossil-Nachfrage verschärft den Druck auf die Energiewende
Die Warnung fällt in eine Phase widersprüchlicher Entwicklungen. Einerseits fließt viel Kapital in erneuerbare Energien, andererseits ist der globale Verbrauch fossiler Brennstoffe laut Barclays weiter auf Rekordniveau. Zugleich treiben geopolitische Spannungen im Nahen Osten erneut die Preise für Öl und Gas nach oben. Damit rückt Versorgungssicherheit noch stärker in den Mittelpunkt, während Emissionssenkung in vielen Märkten zurückgedrängt wird.
Für die Bewertung neuer Energieanlagen hat das direkte Folgen. Barclays argumentiert, dass künftig stärker zählt, wie effizient eine Energiequelle in bestehende Versorgungssysteme eingebunden werden kann. Ein Solarpark mit guter Technik nützt wenig, wenn der Strom nicht abtransportiert wird. Außerdem leiden viele Projekte bereits unter langen Warteschlangen beim Netzanschluss, während Netzbetreiber Windparks teils sogar für das Abschalten bei Überproduktion entschädigen müssen.
Investoren müssen ihren Blick von der Erzeugung auf das Netz verlagern
Die Analyse von Barclays steht nicht isoliert. BloombergNEF hatte schon 2023 darauf hingewiesen, dass neue Kapazitäten ohne passende Leitungen und Netze wenig bringen. Im Dezember 2025 meldete BloombergNEF zudem, dass Netzengpässe in den USA und Europa weiter zunehmen. Auch die Internationale Energieagentur warnte in ihrem Bericht 2025, dass Defizite bei Verteilung, Übertragung und Zusammenschaltung neue Kraftwerke ausbremsen, Kosten erhöhen und Ausschreibungen belasten.
Für Anleger ergibt sich daraus ein Strategiewechsel. Barclays sieht die Energiewende nicht mehr nur als Thema für Windräder, Solarmodule und Batterien. Entscheidend werden vielmehr Netze, Umspanntechnik, Speicher, Steuerungssysteme und andere Infrastruktur, die Strom zuverlässig zum Verbraucher bringt. Wer diese Flaschenhälse behebt, kann laut den Autoren zusätzliche Renditechancen erschließen. Gleichzeitig wächst jedoch das Risiko, dass reine Erzeugungsprojekte ohne belastbare Netzanbindung an wirtschaftlichem Wert verlieren.
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