Holzverbrennung in Chemnitz – 100.000 Tonnen Holz im Jahr für ein Holzheizkraftwerk

Ein Kommentar unsers Autors Klaus Bastian:

Chemnitz setzt bei seiner Fernwärmeversorgung künftig auf großtechnische Holzverbrennung und schafft damit einen enormen zusätzlichen Rohstoffbedarf. Am 19. Oktober 2026 erfolgte die Grundsteinlegung für ein neues Holzheizkraftwerk. Ab Ende 2027 soll die Anlage rund zehn Prozent des städtischen Fernwärmebedarfs decken. Dafür werden jährlich 100.000 Tonnen Holz benötigt. Über die vereinbarte Vertragslaufzeit von 20 Jahren summiert sich der Bedarf auf zwei Millionen Tonnen. Das entspricht rechnerisch der Holzmasse von rund einer Million ausgewachsenen Bäumen, bei angenommenen zwei Tonnen Frischholz je Baum. Rund 90 Prozent des Brennstoffs sollen aus einem Umkreis von 250 Kilometern stammen. Doch dieser enorme Bedarf kommt zum bisherigen Holzverbrauch der Region hinzu. Ob sich diese Mengen dauerhaft bereitstellen lassen, ohne zusätzliche Bäume zu fällen oder die Wälder stärker zu belasten, ist bislang nicht ausreichend belegt.

Holzverbrennung für Fernwärme: Chemnitz benötigt für ein Holzheizkraftwerk in 20 Jahren zwei Millionen Tonnen Holz
Holzverbrennung für Fernwärme: Chemnitz benötigt für ein Holzheizkraftwerk in 20 Jahren zwei Millionen Tonnen Holz
Symbolbild: Shutterstock

Zwei Millionen Tonnen Holz kommen durch Holzheizkraftwerk zum bisherigen Verbrauch hinzu

Der neue Brennstoffbedarf entsteht nicht in einer bislang ungenutzten Rohstofflandschaft. Holzindustrie, bestehende Biomassekraftwerke und private Verbraucher benötigen bereits erhebliche Mengen. Das Chemnitzer Holzheizkraftwerk schafft deshalb eine zusätzliche Nachfrage von jährlich 100.000 Tonnen. Davon sollen 90.000 Tonnen aus der näheren Region kommen. Über zwei Jahrzehnte ergibt das rund 1,8 Millionen Tonnen regionales Holz. Wo diese zusätzlichen Mengen dauerhaft herkommen sollen, bleibt die entscheidende Frage.

Der Betreiber HoSt nennt Waldrestholz, Landschaftspflegematerial und Straßenbaumschnitt als vorgesehene Brennstoffe. Diese Bezeichnungen klingen nach ohnehin vorhandenen Abfällen. Doch auch solche Materialien sind begrenzt verfügbar und werden teilweise bereits genutzt. Zudem entsteht Waldrestholz häufig erst bei regulären Holzeinschlägen. Eine zusätzliche Nachfrage kann deshalb bestehende Nutzungskonflikte verschärfen. Die bloße Zusage einer regionalen Beschaffung ersetzt keine nachvollziehbare Mengenbilanz.


Holzheizkraftwerk verbraucht in Stunden, was jahrzehntelang nachwächst

Ein Baum benötigt häufig mehrere Jahrzehnte, um größere Holzmengen aufzubauen. Im Kraftwerk wird das Material dagegen innerhalb kurzer Zeit verbrannt. Zwar wächst im Wald kontinuierlich Holz nach, doch der gesamte Zuwachs steht nicht als Brennstoff bereit. Ein erheblicher Teil erfüllt ökologische Funktionen oder dient bereits anderen Verwendungen. Deshalb ist die Verfügbarkeit zusätzlicher Holzmengen entscheidend und nicht allein die Tatsache, dass Bäume nachwachsen.

Die Entwicklung der deutschen Wälder macht diese Frage besonders dringlich. Nach der vierten Bundeswaldinventur ist der jährliche Holzzuwachs gegenüber der vorherigen Erhebung um 16 Prozent gesunken. Trockenheit, Waldschäden und der Verlust produktiver Fichtenbestände haben dazu beigetragen. Gleichzeitig verlor der deutsche Wald zwischen 2017 und 2022 erhebliche Mengen gespeicherten Kohlenstoffs. Eine dauerhafte zusätzliche Nachfrage nach Energieholz kann diese Entwicklung verschärfen, wenn dafür höhere Holzentnahmen notwendig werden.

Wie lange reichen die Holzreste im Umkreis von 250 Kilometern?

Besonders fragwürdig ist die langfristige Versorgungssicherheit. Das Kraftwerk soll 20 Jahre lang kontinuierlich Holz verbrennen. Doch die jährlichen Mengen an Waldrestholz hängen von Holzeinschlag, Waldzustand und anderen Nutzungen ab. Auch Straßenbaumschnitt und Landschaftspflegematerial fallen nicht unbegrenzt an. Niemand kann allein aus dem Beschaffungsradius ableiten, dass entsprechende Mengen zwei Jahrzehnte lang zusätzlich verfügbar bleiben.

Hier liegt die wesentliche Schwäche des Versorgungskonzepts. Die Projektpartner müssten offenlegen, welche Holzmengen innerhalb des vorgesehenen Gebietes tatsächlich zusätzlich verfügbar sind. Davon wären bestehende Nutzungen sowie ökologisch notwendige Rückstände abzuziehen. Außerdem müsste die Berechnung berücksichtigen, wie sich Waldschäden und Holznachfrage künftig entwickeln. Ohne diese Angaben lässt sich nicht beurteilen, wie lange die vorhandenen Ressourcen tatsächlich ausreichen.

Wird irgendwann auch gesunder Waldbestand zum Brennstoff?

Der Betreiber plant nach eigenen Angaben keine gezielte Nutzung hochwertiger Sägeholzstämme. Das klingt zunächst beruhigend, löst jedoch das grundlegende Mengenproblem nicht. Denn eine wachsende Nachfrage nach Energieholz kann auch die wirtschaftlichen Anreize für zusätzliche Holzentnahmen verändern. Steigen Preise und Absatzmöglichkeiten, wird möglicherweise mehr bisher ungenutztes Material aus dem Wald geholt. Ob dadurch später auch zusätzliche Einschläge gesunder Bäume ausgelöst werden, ist bislang offen.

Hinzu kommt die ökologische Bedeutung vermeintlich wertloser Holzreste. Abgestorbene Bäume, Äste und Kronenmaterial liefern Nährstoffe und fördern die Humusbildung. Gleichzeitig bieten sie zahlreichen Tierarten Lebensraum. Werden diese Bestandteile verstärkt entfernt, verändert sich der natürliche Stoffkreislauf. Die Wälder verlieren damit möglicherweise genau jene Ressourcen, die sie für ihre Regeneration benötigen. Holz ist deshalb nicht schon deshalb nachhaltig verfügbar, weil es nicht als Bauholz geeignet ist.


Wälder sollen CO₂ speichern – Chemnitz setz auf Holzverbrennung

Ein weiterer Widerspruch betrifft die Rolle der Wälder im Klimaschutz. Bäume nehmen CO₂ aus der Atmosphäre auf und speichern den Kohlenstoff über lange Zeit. Durch die energetische Nutzung endet diese Speicherung im verbrannten Holz unmittelbar. Neue Bäume benötigen dagegen viele Jahre, um vergleichbare Vorräte aufzubauen. Besonders problematisch wird dies, wenn die zusätzliche Nachfrage den Holzbestand oder dessen künftigen Zuwachs verringert.

Gleichzeitig wird die große Menge an Biomasse für einen vergleichsweise kleinen Anteil der Chemnitzer Fernwärmeversorgung benötigt. Nur rund zehn Prozent des Wärmebedarfs soll das Kraftwerk decken. Dafür entstehen jedoch langfristige Verpflichtungen zur Brennstoffbeschaffung. Andere Wärmetechnologien wie Großwärmepumpen, industrielle Abwärme oder Geothermie benötigen keinen vergleichbaren kontinuierlichen Holznachschub. Ihre örtliche Eignung muss geprüft werden, doch genau dieser Vergleich gehört zu einer nachvollziehbaren Investitionsentscheidung.

Eine Energiewende auf Kosten der Wälder wäre ein Widerspruch

Die Betreiber verweisen auf günstige Fernwärmepreise durch die zusätzliche Stromerzeugung. Dafür soll die Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz eine wichtige Rolle spielen. Doch eine staatlich geförderte Stromproduktion schafft keine zusätzlichen Holzressourcen. Ebenso wenig garantiert sie niedrige Brennstoffpreise über die gesamte Vertragslaufzeit. Werden Holzreste knapper, können steigende Beschaffungskosten die wirtschaftliche Kalkulation verändern.

Besonders kritisch ist deshalb der Zeitpunkt dieser Investition. Deutschland benötigt widerstandsfähige Wälder, die Kohlenstoff speichern und sich von den Schäden der vergangenen Jahre erholen können. Gleichzeitig entsteht in Chemnitz eine zusätzliche Nachfrage nach zwei Millionen Tonnen Holz. Dass dafür ausschließlich bisher ungenutzte und ökologisch entbehrliche Mengen bereitstehen, ist bislang nicht nachgewiesen. Die Herkunft aus einem Umkreis von 250 Kilometern ist dafür kein ausreichender Beleg.

Eine nachhaltige Wärmeversorgung muss sich an der tatsächlichen Verfügbarkeit ihrer Ressourcen messen lassen. Chemnitz schafft dagegen zunächst einen langfristigen Verbrauch, ohne dessen zusätzliche Rohstoffbasis öffentlich nachvollziehbar darzulegen. Die entscheidende Gefahr liegt nicht in der bloßen Verbrennung von Holz, sondern in einer möglichen Ausweitung der Holzentnahmen. Sollte das Restholz nicht ausreichen, wächst der wirtschaftliche Anreiz, weitere Holzbestände zu nutzen. Genau deshalb müsste die nachhaltige Verfügbarkeit vor dem Bau verbindlich nachgewiesen werden und nicht erst während des Betriebs.

Verfasser: Klaus Bastian – Blackout News
Verwendete Quellen: MDR (19.10.26) – Tag24 (19.10.26) – Parentsfofuture (19.10.26) – Holz-Zentralblatt (02.10.26)

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