Stromversorgung in Gefahr – Deutschland fehlen bis zu 35 Gigawatt gesicherte Kraftwerksleistung

Deutschland steuert auf erhebliche Probleme bei der Stromversorgung zu. Nach Berechnungen der Bundesnetzagentur könnten bis 2035 bis zu 35,5 Gigawatt zusätzliche steuerbare Kraftwerksleistung notwendig werden. Gleichzeitig verschärfen niedrige Füllstände der Gasspeicher und steigende Erdgaspreise die Lage vor dem Winter 2026/2027. Der geplante Kohleausstieg reduziert außerdem die verfügbaren Kraftwerkskapazitäten, während Ersatzanlagen fehlen. Dadurch wachsen die Risiken für die Versorgungssicherheit und die Stromkosten von Industrie und Privathaushalten.

Fehlende Kraftwerksleistung, niedrige Gasspeicher und steigende Netzkosten gefährden die Stromversorgung zunehmend
Fehlende Kraftwerksleistung, niedrige Gasspeicher und steigende Netzkosten gefährden die Stromversorgung zunehmend
Bild: Shutterstock

Stromversorgung: Bis zu 35,5 Gigawatt zusätzliche Kraftwerksleistung erforderlich

Die Bundesnetzagentur beziffert den zusätzlichen Kapazitätsbedarf bis 2035 im ungünstigen Szenario auf 35,5 Gigawatt. Im günstigeren Zielszenario beträgt er 22,4 Gigawatt. Entscheidend sind jedoch der Kraftwerkszubau, die Entwicklung erneuerbarer Energien und die Flexibilität des Stromverbrauchs. Die Bundesregierung setzt zunächst auf neue Kraftwerkskapazitäten im Umfang von rund elf Gigawatt. Diese Leistung allein würde den höheren prognostizierten Bedarf allerdings nicht decken.

Bis 2030 sollen mit dem Kohleausstieg weitere Kohlekraftwerke mit rund 15 Gigawatt gesicherter Leistung vom Netz gehen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Wind- und Solarstrom. Bei Dunkelflauten müssen deshalb andere Anlagen die fehlende Erzeugung übernehmen. Batteriespeicher können kurzfristige Schwankungen ausgleichen, ersetzen jedoch keine mehrtägige Stromversorgung ohne ausreichende Nachlademöglichkeiten. Energieökonomin Veronika Grimm plädiert daher für stärker marktwirtschaftliche Anreize beim Aufbau gesicherter Leistung.


Niedrige Gasspeicher und neue EU-Vorschriften verschärfen die Lage

Die deutschen Erdgasspeicher erreichten am 15. Oktober lediglich rund 60,6 Prozent Füllstand. Ein Jahr zuvor lagen sie deutlich höher. Die Bundesnetzagentur sieht dennoch keine unmittelbare Gefährdung der Gasversorgung. Allerdings erschweren internationale Lieferausfälle und der Wettbewerb um Flüssigerdgas die Wiederauffüllung. Besonders problematisch sind die eingeschränkten LNG-Lieferungen aus der Golfregion und die angespannten Weltmärkte.

Zusätzliche Unsicherheit verursacht die europäische Energiepolitik. Ab Januar 2027 soll ein vollständiges Importverbot für russisches Flüssigerdgas greifen. Außerdem gelten strengere europäische Methanvorschriften für fossile Energieimporte. Die EU-Kommission schlug deshalb am 14. Oktober vor, bestimmte Pflichten um ein Jahr zu verschieben. Parlament und Mitgliedstaaten müssen dieser Änderung jedoch noch zustimmen. Ohne verlässliche Regelungen könnten Lieferanten langfristige Verträge zurückhalten und damit die Beschaffung erschweren.


Energiewende erfordert Investitionen von bis zu 6,4 Billionen Euro

Eine aktuelle Prognos-Studie beziffert die erforderlichen Transformationsinvestitionen bis 2045 auf 5,7 bis 6,4 Billionen Euro. Das entspricht jährlich rund 270 bis 300 Milliarden Euro. Allerdings handelt es sich nicht ausschließlich um zusätzliche Kosten, weil ein Teil ohnehin notwendige Investitionen in fossile Technologien ersetzt. Die zusätzlichen Nettoinvestitionen schätzt Prognos auf jährlich 135 bis 153 Milliarden Euro. Besonders Verkehr, Wärmeversorgung und Strominfrastruktur benötigen erhebliche Finanzmittel.

Für die Stromversorgung entstehen außerdem neue Belastungen durch den Netzausbau und die Finanzierung zusätzlicher Kraftwerke. Hohe Netzentgelte beeinträchtigen bereits heute die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Unternehmen. Gleichzeitig plant die Bundesregierung eine strategische Gasreserve von 24 Terawattstunden. Nach einem Gesetzentwurf könnten dafür bis zu 3,08 Milliarden Euro innerhalb von zehn Jahren anfallen. Die Finanzierung über Verbraucherabgaben würde Haushalte zusätzlich belasten. Damit droht eine Entwicklung, bei der Bürger und Industrie sowohl den Ausbau als auch die Absicherung des Energiesystems bezahlen müssen.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Klimanachrichten (18.10.26) – Reuters (15.10.26) – Europäische Kommission (14.10.26) – Welt (08.10.26)

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