Mehr als drei Jahre nach dem Abschalten der letzten deutschen Reaktoren gewinnt die Kernkraft-Reaktivierung erneut an Bedeutung. Mit dem Strom-Versorgungssicherheits- und-Kapazitätsgesetz, kurz StromVKG, finanziert der Bund künftig neue gesicherte Kraftwerksleistung für Zeiten mit wenig Wind und Sonne. Dabei dürften vor allem neue Gaskraftwerke eine zentrale Rolle spielen. Deutschland ersetzt damit einen Teil jener regelbaren Leistung, die mit dem Atomausstieg aus dem Kraftwerkspark verschwunden ist. Gleichzeitig müssen die neuen Anlagen Brennstoff importieren und stoßen beim Betrieb mit Erdgas CO2 aus. Genau diese Entwicklung beschreibt Ulrich Gräber in seinem Buch „Kniefall vor der Unvernunft – Der lange Schatten des Atomausstiegs“ als Folge einer Energiepolitik, die Kernkraft aufgab, bevor ein technisch gleichwertiger Ersatz bereitstand.
Atomausstieg beseitigt gesicherte Leistung – jetzt muss Ersatz her
Das StromVKG macht den entstandenen Handlungsbedarf sichtbar. Noch 2026 sollen zweimal 4,5 Gigawatt Langzeitkapazitäten ausgeschrieben werden. Für 2027 sind weitere zwei Gigawatt vorgesehen. Die Anlagen sollen bei Dunkelflauten einspringen und teilweise 15 Jahre verfügbar bleiben. Der Bundestag spricht selbst von rund 20 neuen Kraftwerken für die ersten neun Gigawatt.

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Gräber sieht genau darin einen Grundfehler der deutschen Energiepolitik. In seinem Buch zeichnet er nach, wie politische Symbolik technische und wirtschaftliche Erwägungen verdrängt habe. Kernkraftwerke verschwanden, während Netze, Speicher und gesicherte Ersatzleistung noch nicht ausreichend vorhanden waren. Deshalb endet der Atomausstieg nicht mit der Stilllegung der Reaktoren. Seine Kosten verlagern sich vielmehr auf neue Kraftwerke, Infrastruktur und die Absicherung wetterabhängiger Erzeugung.
Baden-Württemberg zeigt die Folgen besonders deutlich
Baden-Württemberg liefert dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Noch 2022 erzeugte das Land 53,9 Terawattstunden Strom. Nach dem Abschalten von Neckarwestheim II sank die Produktion jedoch 2023 drastisch. Im Jahr 2024 erreichte sie nur noch 34,1 Terawattstunden. Das Statistische Landesamt nennt den Kernenergieausstieg ausdrücklich als einen Grund für diesen Rückgang.
Gleichzeitig verbrauchte Baden-Württemberg 61,7 Terawattstunden Strom. Deshalb mussten 27,6 Terawattstunden aus anderen Bundesländern und dem Ausland zufließen. Erneuerbare Energien erreichten zwar 59 Prozent der heimischen Erzeugung. Dennoch sank die gesamte Stromproduktion auf ein Niveau, das zuletzt um 1980 registriert wurde.
Kernkraft-Reaktivierung statt weiterer Demontage
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Paul Schmidt fordert deshalb einen sofortigen Stopp des Rückbaus. Er setzt eine Kernkraft-Reaktivierung gegen die milliardenschwere Förderung neuer Gaskraftwerke. Schmidt verweist dabei auf Berechnungen der Radiant Energy Group. Für Neckarwestheim II nennt die Untersuchung rund 1,7 Milliarden Euro und etwa 47 Monate für eine mögliche Wiederherstellung. Allerdings handelt es sich um Modellrechnungen und nicht um verbindliche Angebote eines Betreibers.
Radiant fordert inzwischen eine unabhängige technische Prüfung der stillgelegten Anlagen. Der weitere Rückbau könne mögliche Optionen unwiederbringlich beseitigen. Genau dieser Punkt entspricht Gräbers zentraler Kritik. Eine einmal zerstörte technische Infrastruktur lässt sich nicht kurzfristig zurückholen, falls sich politische Annahmen später als falsch erweisen.
Neue Gaskraftwerke schaffen neue Abhängigkeiten
Gaskraftwerke können flexibel Strom liefern und eignen sich deshalb als Reserve. Ihr Brennstoff muss jedoch kontinuierlich beschafft werden. Deutschland importiert Gas heute vor allem über Pipelines sowie über LNG-Terminals. Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgung derzeit zwar als stabil. Dennoch verweist sie auf Weltmarktrisiken und ein weiterhin erhöhtes Preisniveau. Internationale Konflikte können außerdem unmittelbar auf europäische Großhandelspreise durchschlagen.
Hinzu kommt der klimapolitische Gegensatz. Die abgeschalteten Kernkraftwerke erzeugten Strom mit sehr geringen CO2-Emissionen, während Erdgas bei der Verbrennung Kohlendioxid freisetzt. Zwar müssen die neuen Kraftwerke wasserstofffähig sein und ab 2045 klimaneutral arbeiten. Bis dahin können sie jedoch Erdgas nutzen. Deutschland ersetzt damit zumindest über Jahre CO2-arme gesicherte Kernkraftleistung teilweise durch fossile Erzeugung.
Der lange Schatten des Atomausstiegs wird sichtbar
Gräbers Buch erhält vor diesem Hintergrund eine bemerkenswerte Aktualität. Seine Kritik richtet sich nicht gegen erneuerbare Energien an sich, sondern gegen eine Reihenfolge politischer Entscheidungen. Erst verschwanden Kernkraftwerke, während anschließend gesicherte Ersatzleistung, Netze und Speicher teuer aufgebaut werden müssen. Genau diese Rechnung beginnt das StromVKG nun sichtbar zu machen.
Die Kernkraft-Reaktivierung wäre deshalb kein einfacher Weg zurück und auch keine kostenlose Lösung. Rückbau, Genehmigungen, Personal und fehlende Komponenten erschweren einen Neustart erheblich. Dennoch erscheint es widersprüchlich, bestehende Reaktorstandorte endgültig zu demontieren, während gleichzeitig Milliarden in neue Reservekraftwerke fließen. Gräbers Kernthese erhält dadurch politisches Gewicht: Der Atomausstieg beseitigte die Kernkraftwerke, aber nicht den Bedarf an ihrer gesicherten Leistung.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Web-Quellen: Radiant Energy Group (11.08.26) – Dr. Paul Schmidt (08.08.26) – Deutscher Bundestag (08.07.26) – Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (05.03.26) – Bundesnetzagentur (Stand 11.08.26)
Verwendete Buch-Quelle: Ulrich Gräber: „Kniefall vor der Unvernunft – Der lange Schatten des Atomausstiegs“, Mentoren-Media-Verlag

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