Österreich führt ab 2027 neue Netzentgelte ein, die vor allem Besitzer von Elektroautos und Wärmepumpen finanziell belasten können. Die Regulierungsbehörde E-Control beschloss am 12. Oktober 2026 eine grundlegende Reform der Stromnetztarife. Künftig zählt neben der verbrauchten Strommenge auch die höchste durchschnittliche Leistungsaufnahme innerhalb von 15 Minuten eines Monats. Wer beispielsweise sein Elektroauto lädt, während gleichzeitig die Wärmepumpe und weitere Haushaltsgeräte laufen, verursacht eine hohe Leistungsspitze. Diese kann die Netzgebühren für den gesamten Monat erhöhen, obwohl der Haushalt insgesamt nicht mehr Strom verbraucht. Damit wird die gleichzeitige Nutzung leistungsstarker Elektrogeräte zum zusätzlichen Kostenfaktor. Hintergrund sind die steigenden Anforderungen an die Stromnetze durch die zunehmende Elektrifizierung.

Bild: KI-generiert
Neue Netzentgelte machen hohe Stromspitzen zum Kostenfaktor
Bisher richteten sich die österreichischen Netzentgelte für Haushalte überwiegend nach den verbrauchten Kilowattstunden. Künftig berücksichtigt die Abrechnung zusätzlich die höchste durchschnittliche Leistungsaufnahme innerhalb einer Viertelstunde. Dafür erfassen intelligente Stromzähler die entsprechenden Verbrauchswerte. Die höchste Viertelstundenleistung eines Monats beeinflusst anschließend den Leistungspreis für diesen Monat. Deshalb kann bereits ein einzelner längerer Ladevorgang die monatlichen Netzgebühren erhöhen.
Besonders deutlich wird das Problem bei Elektroautos und Wärmepumpen. Eine übliche Wallbox lädt mit elf Kilowatt und beansprucht damit bereits erhebliche Netzleistung. Läuft gleichzeitig eine Wärmepumpe, steigt die gesamte Leistungsaufnahme zusätzlich. Bei einer angenommenen elektrischen Wärmepumpenleistung von neun Kilowatt wären zusammen bereits 20 Kilowatt möglich. Allerdings erreichen nicht alle Wärmepumpen solche Werte. Entscheidend sind die tatsächliche elektrische Leistungsaufnahme und die gleichzeitige Nutzung weiterer Geräte.
Netzentgelte treffen ausgerechnet die geförderte Elektrifizierung
Die österreichische Energiepolitik fördert seit Jahren den Umstieg auf Elektroautos und elektrische Heizsysteme. Nun sollen dieselben Verbraucher ihre Leistungsaufnahme begrenzen, damit die Stromnetze nicht überlastet werden. Das offenbart einen erheblichen Widerspruch zwischen den politischen Zielen und den vorhandenen Netzkapazitäten. Denn die Elektrifizierung erhöht nicht nur den jährlichen Strombedarf, sondern auch die gleichzeitig benötigte Leistung. Haushalte müssen deshalb zunehmend ihre Verbrauchsgewohnheiten an technische Netzgrenzen anpassen.
Die E-Control empfiehlt beispielsweise, Elektroautos mit vier statt elf Kilowatt zu laden. Dadurch verlängert sich jedoch die Ladezeit erheblich. Wer täglich lange Strecken zurücklegt, kann diese Empfehlung möglicherweise nicht praktikabel umsetzen. Gleichzeitig sollen Wärmepumpen möglichst gleichmäßig arbeiten, damit größere Leistungsspitzen ausbleiben. Die neuen Netzentgelte verlagern damit einen Teil der Verantwortung für die Netzauslastung auf die Verbraucher. Besonders kritisch ist, dass die konkreten finanziellen Auswirkungen noch nicht feststehen.
Höhere Gebühren bei Leistungsspitzen – konkrete Beträge fehlen noch
Die Umstellung beginnt am 1. Januar 2027 und muss spätestens zum 1. Juli 2028 erfolgen. Zunächst soll der leistungsabhängige Anteil 40 Prozent erreichen. Langfristig strebt die Regulierungsbehörde eine hälftige Aufteilung zwischen Verbrauchs- und Leistungspreis an. Eine häufig genannte Grenze von zehn Kilowatt betrifft außerdem die Zuordnung der Netzanschlussleistung. Sie ist jedoch keine pauschale Freigrenze, oberhalb der automatisch ein festgelegter Strafbetrag anfällt. Die konkreten Tarife sollen erst im Dezember 2026 endgültig feststehen.
Gleichzeitig plant Österreich neue Anreize zur Verlagerung des Stromverbrauchs. Ab Oktober 2027 soll zwischen 23 und 5 Uhr im Winterhalbjahr ein reduzierter Netzarbeitspreis gelten. Außerdem können Kunden bei vereinbarter flexibler Netznutzung deutliche Nachlässe erhalten. Dafür müssen sie unter bestimmten Bedingungen zeitweise eine Begrenzung ihrer Leistungsaufnahme akzeptieren. Die E-Control erwartet durch geringere Lastspitzen langfristig rund 300 Millionen Euro weniger jährliche Netzkosten. Allerdings handelt es sich um prognostizierte Einsparungen, nicht um bereits nachgewiesene Entlastungen.
Stromnetzausbau bleibt trotz neuer Gebühren notwendig
Die Tarifreform kann vorhandene Netzkapazitäten besser ausnutzen, ersetzt jedoch keinen bedarfsgerechten Netzausbau. Schließlich steigt durch Elektroautos, Wärmepumpen und weitere elektrische Anwendungen die Nachfrage nach zuverlässig verfügbarer Leistung. Wer höhere Anschlussleistungen benötigt, muss deshalb auch künftig entsprechende Netzkapazitäten vorfinden. Besonders problematisch wäre es, wenn Verbraucher zusätzliche Gebühren zahlen, während notwendige Investitionen weiterhin hinter dem Bedarf zurückbleiben.
Die politische Verantwortung endet daher nicht bei neuen Abrechnungsmodellen. Österreich muss die Elektrifizierung mit ausreichenden Erzeugungs- und Netzkapazitäten absichern. Andernfalls zahlen Verbraucher für eine Energiewende, deren technische Voraussetzungen nicht vollständig geschaffen wurden. Die E-Control betont zwar, dass Haushalte ohne leistungsstarke Anwendungen kaum Mehrkosten erwarten müssen. Für Besitzer von Elektroautos und Wärmepumpen hängt die tatsächliche Belastung jedoch künftig stärker von ihrem Nutzungsverhalten ab. Ob die Reform insgesamt gerechter wird, zeigen erst die endgültigen Tarife und die späteren Stromrechnungen.
Verfasser: Blackout News
Vrewendete Quellen: WKD (14.10.26) – Der Standard (12.10.26) – E-Control (12.10.26)
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