Massive Netzengpässe haben die Kosten für die Stabilisierung des britischen Stromnetzes auf 47,9 Millionen Pfund (rund 56,8 Millionen Euro) an einem einzigen Tag getrieben. Weil Übertragungsleitungen nicht genügend Strom transportieren konnten, musste Netzbetreiber NESO zahlreiche Wind- und Wasserkraftanlagen abregeln. Betroffen waren Erzeugungskapazitäten von rund neun Gigawatt. Gleichzeitig mussten Gaskraftwerke und Biomassekraftwerke zusätzlichen Strom liefern, während NESO weitere Stromimporte organisierte. Die Stabilisierungskosten erreichten damit einen der höchsten Tageswerte seit der Energiekrise 2022. Obwohl Großbritannien Milliarden in erneuerbare Energien investiert, belasten die Folgen des unzureichenden Netzausbaus zunehmend Haushalte und Unternehmen.

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Windkraft wird abgeschaltet – Gaskraftwerke müssen zur Stabilisierung einspringen
Das Hauptproblem liegt zwischen den windreichen Regionen Schottlands und den Verbrauchszentren im Süden Englands. Dort reichen die vorhandenen Übertragungsleitungen häufig nicht aus, um den erzeugten Strom vollständig abzutransportieren. Deshalb bezahlt NESO Windparkbetreiber dafür, ihre Einspeisung zu reduzieren. Gleichzeitig benötigt der Netzbetreiber zusätzliche Kraftwerke südlich der Netzengpässe, um die Nachfrage zu decken. Allein während eines halbstündigen Abrechnungszeitraums entstanden dadurch Kosten von 1,6 Millionen Pfund (rund 1,9 Millionen Euro).
Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens LCP Delta betrafen die Eingriffe am 14. Oktober rund neun Gigawatt erneuerbare Erzeugungsleistung. Diese Kapazität entspricht rechnerisch dem Leistungsbedarf von mehr als acht Millionen durchschnittlichen Haushalten. Allerdings handelt es sich dabei um eine Leistungsangabe und nicht um die tatsächlich verlorene Strommenge. Entscheidend ist die wirtschaftliche Konsequenz: Großbritannien verfügt über Stromerzeugung, die es wegen fehlender Transportkapazitäten nicht vollständig nutzen kann. Gleichzeitig muss das Land zusätzliche Erzeugungskapazitäten finanzieren, um die Versorgung andernorts sicherzustellen.
Netzengpässe verursachen immer höhere Milliardenkosten
Bereits im September erreichten in Großbritannien die britischen Kosten zur Stabilisierung der Übertragungsleitungen mit 505 Millionen Pfund (rund 599 Millionen Euro) einen historischen Monatsrekord. Damit übertrafen die Ausgaben sogar die Spitzenwerte während der Energiekrise 2022. Besonders teuer sind die Eingriffe bei hoher Windstromproduktion im Norden und begrenzter Übertragungskapazität Richtung Süden. NESO muss dann sowohl die Reduzierung der Einspeisung als auch die notwendige Ersatzstromerzeugung organisieren. Hinzu kommen weitere Leistungen zur Frequenzhaltung und zur Absicherung des Netzbetriebs.
Wie teuer allein die Engpassbewirtschaftung geworden ist, zeigen Berechnungen des Energieversorgers Octopus Energy. Demnach summierten sich die Kosten für Windkraftabregelungen und Ersatzstrom Anfang Oktober bereits auf mehr als 1,5 Milliarden Pfund (rund 1,78 Milliarden Euro) seit Jahresbeginn. Das gesamte Vorjahresniveau von rund 1,47 Milliarden Pfund (rund 1,74 Milliarden Euro) war damit schon überschritten. Allein im September entstanden nach diesen Berechnungen windbedingte Engpasskosten von 404,3 Millionen Pfund (rund 479 Millionen Euro). Der Netzbetreiber rechnet für die zwölf Monate bis Juli 2027 mit entsprechenden Kosten von etwa 3,2 Milliarden Pfund (rund 3,8 Milliarden Euro). Diese Prognose betrifft allerdings die Engpassbewirtschaftung und nicht sämtliche Leistungen zur Netzstabilisierung.
Notfallimporte aus Frankreich verschärfen die Kritik
Neben den Rekordkosten gerät auch die operative Sicherheit des britischen Stromsystems zunehmend in den Fokus. Am 9. und 12. Oktober musste NESO kurzfristig Unterstützung aus Frankreich anfordern. Solche Notfallmaßnahmen dienen dazu, zusätzliche Leistungsreserven zu erschließen und den Netzbetrieb abzusichern. Besonders ungewöhnlich sind entsprechende Eingriffe außerhalb der verbrauchsstarken Wintermonate. Dabei war die insgesamt verfügbare Stromerzeugung nicht grundsätzlich unzureichend. Vielmehr erschwerten regionale Transportbeschränkungen und kurzfristige Betriebsbedingungen die sichere Versorgung.
Die Vorgänge folgen auf erhebliche Schwierigkeiten während der sommerlichen Hitzewelle Ende Juni. Damals traf eine rückläufige erneuerbare Stromerzeugung auf steigenden Strombedarf durch Kühlanlagen und Klimatisierung. Interne Vorwürfe über den Umgang mit der angespannten Situation führten inzwischen zu unabhängigen Untersuchungen. Auch die Regulierungsbehörde Ofgem befasst sich mit den Ereignissen. NESO weist jedoch den Vorwurf zurück, das britische Stromsystem sei grundsätzlich unsicher. Nach Angaben des Netzbetreibers kam es weder zu Verbraucherabschaltungen noch zu Verletzungen der gesetzlichen Frequenzgrenzen.
Milliarden für den Netzausbau – Verbraucher zahlen bereits heute
Großbritannien plant Investitionen von rund 150 Milliarden Pfund (rund 178 Milliarden Euro) in die Modernisierung seiner Stromnetze. Doch die notwendigen Übertragungsleitungen entstehen deutlich langsamer als neue Windkraftanlagen. Zusätzliche Einschränkungen verursachen laufende Arbeiten an bestehenden Leitungen. Nach Angaben von Octopus Energy standen einzelne wichtige Übertragungsverbindungen in Schottland zeitweise nur mit etwa 40 Prozent ihrer Kapazität zur Verfügung. Dadurch verschärften sich die Engpässe zusätzlich. NESO erwartet, dass ein rechtzeitiger Netzausbau die Kosten der Systemstabilisierung bis zum Ende des Jahrzehnts erheblich reduzieren könnte.
Die steigenden Ausgaben offenbaren vor allem ein grundlegendes Problem der britischen Energiepolitik. Der Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten wurde schneller vorangetrieben als die dafür notwendige Netzinfrastruktur. Deshalb bezahlt das Stromsystem heute für die Nichtproduktion vorhandener Anlagen und gleichzeitig für zusätzliche Ersatzstromerzeugung. Hinzu kommen Milliardeninvestitionen in neue Leitungen sowie Kosten für Reservekapazitäten und Systemdienstleistungen. Zwar können zusätzliche Stromspeicher und flexible Verbraucher einzelne Engpässe entschärfen, doch großräumige Transportprobleme lösen sie nicht ohne Weiteres. Entscheidend sind deshalb die gesamten Systemkosten und nicht allein die Erzeugungskosten von Windstrom. Solange Netzausbau und Stromerzeugung nicht aufeinander abgestimmt sind, müssen Verbraucher für diese Fehlplanung bezahlen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: The Times (16.10.26) – The Guardian (15.10.26) – Utility Week (14.10.26) – Octopus Energy (05.10.26)
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