Italien erhebt schwere Vorwürfe gegen Deutschland wegen seiner unzureichend gefüllten Gasspeicher. Am 29. Oktober kritisierte ein hochrangiger Regierungsvertreter in Mailand die deutsche Beschaffungspolitik. Berlin habe die Befüllung verzögert und müsse nun Gas zu hohen Preisen einkaufen. Während Italiens Speicher zu rund 91 Prozent gefüllt waren, erreichte Deutschland lediglich 61,7 Prozent. Der europäische Gaspreis stieg am 28. Oktober zeitweise auf 100 Euro je Megawattstunde. Italien sieht deshalb zusätzliche Kosten für Haushalte und Unternehmen und warnt vor weiteren Preissprüngen im Winter.

Bild: Shutterstock
Italien zahlt 300 Millionen Euro und kritisiert deutsche Gaseinkäufe
Alessandro Noce, Generaldirektor für Energiemärkte und Infrastruktur im italienischen Energieministerium, äußerte seine Kritik auf einer Energiekonferenz in Mailand. Italien habe rund 300 Millionen Euro für die Speicherbefüllung ausgegeben. Deutschland kaufe dagegen erst jetzt größere Mengen ein, obwohl die Preise bereits stark gestiegen seien. Dadurch sieht Noce sein Land doppelt belastet: durch die eigene Vorsorge und durch höhere Beschaffungskosten.
Hinter dem Streit stehen auch die geplanten Privatisierungen der deutschen Energiekonzerne Uniper und SEFE. Ein Energieanalyst erklärte auf der Konferenz, Deutschland habe die Speicherbefüllung deshalb verzögert. Offenbar sollten zusätzliche Kosten für die Unternehmen vor dem Verkauf begrenzt werden. Noce kritisierte diese Darstellung scharf. Allerdings bestreitet die Bundesregierung, dass die Privatisierungspläne die Speicherpolitik beeinflusst hätten.
Füllstand der deutschen Gasspeicher deutlich unter der gesetzlichen Vorgabe
Deutschland hat das gesetzliche Speicherziel zum 1. November deutlich verfehlt. Vorgesehen war ein durchschnittlicher Füllstand von 70 Prozent, tatsächlich lag dieser bei etwa 61,2 Prozent. Damit fehlten rund neun Prozentpunkte zur vorgeschriebenen Marke. Der europäische Durchschnitt erreichte dagegen knapp 75 Prozent. Frankreich lag bei rund 87 Prozent und Italien bei etwa 91 Prozent.
Die Bundesregierung sieht trotz dieser Abweichung keine unmittelbare Gefahr für die Gasversorgung. Wirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur verweisen auf zusätzliche Importmöglichkeiten und laufende Lieferungen. Deutschland verfügt inzwischen über mehrere LNG-Terminals und bezieht außerdem Pipelinegas aus Norwegen. Dennoch ersetzen diese Bezugswege nicht die gesamte Funktion der Speicher. Besonders bei hohem Verbrauch müssen ausreichende Mengen kurzfristig verfügbar sein.
Bundesregierung weist Italiens Vorwürfe entschieden zurück
Das Bundeswirtschaftsministerium hat die Kritik aus Rom am 30. Oktober ausdrücklich zurückgewiesen. Der staatliche Energiekonzern SEFE soll innerhalb von etwa zwei Monaten acht Terawattstunden Erdgas beschaffen und einspeichern. Dabei soll das Unternehmen möglichst Lieferungen von außerhalb der Europäischen Union nutzen. Laut Ministerium handelt es sich überwiegend um zusätzliche Importmengen. Die Bundesregierung bestreitet deshalb, mit diesen Einkäufen den europäischen Gaspreis maßgeblich zu erhöhen.
Der Streit verdeutlicht allerdings unterschiedliche Strategien innerhalb der EU. Italien hat seine Speicher frühzeitig mit staatlicher Unterstützung gefüllt. Deutschland setzte stärker auf laufende Importe und zusätzliche Beschaffung im Bedarfsfall. Die Bundesregierung verweist darauf, dass Italien die Befüllung von rund 92 Terawattstunden gefördert habe. Außerdem versorgen deutsche Speicher im Winter auch andere europäische Länder. Deshalb lassen sich nationale Speicherstände nicht vollständig getrennt betrachten.
Gaspreis könnte im Januar auf 180 Euro steigen
Besonders kritisch könnte ein längerer Kälteeinbruch im Januar werden. Noce hält dann europäische Gaspreise zwischen 150 und 180 Euro je Megawattstunde für möglich. Er verwies insbesondere auf Norddeutschland, Polen und Litauen. Dort könnte ein stark steigender Heizbedarf zusätzliche Nachfrage auslösen. Seine Prognose beschreibt jedoch ein mögliches Szenario und keinen bereits feststehenden Preisanstieg.
Für Deutschland geht es dabei nicht allein um die Heizkosten privater Haushalte. Auch Industrieunternehmen nutzen Erdgas als Energieträger und Produktionsrohstoff. Zudem können hohe Gaspreise die Stromerzeugung in Gaskraftwerken verteuern. Besonders bei wenig Wind und geringer Solarstromproduktion gewinnt dieser Zusammenhang an Bedeutung. Die Bundesregierung plant inzwischen, die bisherigen Speicherfüllstandsvorgaben durch eine nationale strategische Gasreserve zu ersetzen. Ob dieses Modell Versorgungssicherheit und bezahlbare Energie besser miteinander verbindet, hängt entscheidend von seiner konkreten Ausgestaltung ab.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Financial Times (01.11.26) – Bloomberg (31.10.26) – Reuters (30.10.26)
Lesen Sie auch:
- Nötige Befüllung von Gasspeichern laut Betreibern kaum noch möglich
- Niedrige Speicherstände: Verbraucherschützer warnen vor steigenden Gaspreisen
- Gasspeicher-Verband warnt: Befüllung für den nächsten Winter wird zum Risiko
- Winterreserve schrumpft: Europas Gasspeicher drohen auf 15-Jahres-Tief zu fallen
