Bundesnetzagentur erhöht Netzreserve deutlich: Kraftwerksleistung aus dem Ausland erforderlich

Die Bundesnetzagentur hat den Bedarf für den Winter 2026/2027 auf 7.407 Megawatt festgesetzt. Das sind 914 Megawatt mehr als im vorherigen Winter. Entscheidend sind Engpässe im deutschen Übertragungsnetz. Zugleich fehlen mehrere inländische Reservekraftwerke in der Planung. Deshalb benötigen die Netzbetreiber bis zu 2.665 Megawatt zusätzliche Leistung aus dem Ausland. Der Bundestag beriet am 11. Juni außerdem 45 neue Netzausbauvorhaben und Änderungen an 13 bestehenden Projekten. Die Bundesregierung will damit vor allem den Stromtransport vom Norden in den Süden und Westen verbessern.


Bundesnetzagentur erhöht Netzreserve für den Winter wegen kritischer Lastflüsse

Der festgestellte Bedarf liegt rund 14 Prozent über dem Wert für 2025/2026. Inländische Kraftwerke sollen 4.742 Megawatt abdecken. Weitere 2.665 Megawatt müssen aus dem Ausland kommen. Im Vorwinter lag dieser ausländische Anteil noch bei 1.344 Megawatt. Er hat sich damit nahezu verdoppelt.

Benötigte Netzreserve steigt auf 7.407 Megawatt. Netzengpässe und Kraftwerksausfälle erhöhen den Bedarf an Leistung aus dem Ausland deutlich
Benötigte Netzreserve steigt auf 7.407 Megawatt. Netzengpässe und Kraftwerksausfälle erhöhen den Bedarf an Leistung aus dem Ausland deutlich
Bild: Shutterstock

Die Bundesnetzagentur leitet diese Werte aus Systemanalysen der Übertragungsnetzbetreiber ab. Dabei untersuchen die Fachleute den Strommarkt und anschließend die Belastung einzelner Leitungen. Entscheidend ist der sogenannte n-1-Standard. Danach muss das Netz auch beim Ausfall eines wichtigen Betriebsmittels sicher funktionieren. Reichen technische Schaltungen nicht aus, folgt ein Redispatch.

Kraftwerksausfälle erhöhen den Bedarf im Ausland

Für die Sensitivitätsrechnung unterstellt die Behörde mehrere Nichtverfügbarkeiten. Betroffen sind Heilbronn 5 und 6, Scholven C sowie Anlagen in Völklingen. Deren Betreiber hatten einen Ausfall für das kommende Winterhalbjahr angekündigt. Deshalb kalkuliert die Behörde vorsorglich ohne diese Leistung. Die Netzreserve muss den fehlenden Beitrag an anderer Stelle ersetzen.

In der maßgeblichen Modellstunde erreicht der positive Redispatchbedarf 24,1 Gigawatt. Verfügbare deutsche Reserveanlagen liefern davon 4.625 Megawatt. Das Gersteinwerk steuert weitere 117 Megawatt bei. Zusätzlich sind 2.665 Megawatt aus ausländischen Kraftwerken erforderlich. Mehrere deutsche Anlagen können jedoch wegen lokaler Engpässe nicht wirksam einspeisen.

Strommenge reicht aus, Transportkapazität jedoch nicht

Die Analyse beschreibt keinen allgemeinen Mangel an elektrischer Energie. Die simulierte Erzeugung deckt den Verbrauch in jedem untersuchten Netznutzungsfall. Deutschland weist dabei sogar einen rechnerischen Nettoexport von 15,5 Terawattstunden aus. Dennoch entstehen zahlreiche Überlastungen im Übertragungsnetz. Marktverfügbarkeit und Netzsicherheit sind deshalb getrennt zu bewerten.

Besonders große Strommengen entstehen im Norden und Nordosten. Die Verbrauchsschwerpunkte liegen jedoch stärker im Süden und Westen. Außerdem fließt Strom über Deutschland in Richtung Frankreich, Schweiz, Österreich und Italien. Die vorhandenen Leitungen können diese Handels- und Erzeugungsflüsse nicht jederzeit aufnehmen. Redispatch verändert deshalb die regionale Kraftwerkseinspeisung, ohne die Gesamtmenge im Stromsystem zu erhöhen.


Bundestag berät 45 zusätzliche Netzprojekte

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung soll den Bundesbedarfsplan erweitern. Er umfasst 39 Wechselstrommaßnahmen, drei Interkonnektoren und zwei Gleichstromverbindungen. Hinzu kommt eine Offshore-Anbindungsleitung. Außerdem sollen 13 bereits geplante Vorhaben verändert werden. Die Regierung will deren energiewirtschaftliche Notwendigkeit gesetzlich festschreiben und Genehmigungen beschleunigen.

Für die neuen Vorhaben nennt die Bundesregierung einmalige Investitionskosten von rund 44,65 Milliarden Euro. Nach ihrer Schätzung könnten typische Haushalte dadurch jährlich 30 bis 35 Euro mehr zahlen. Gewerbekunden müssten mit rund 400 Euro rechnen. Den Kosten sollen jedoch geringere Eingriffe zur Engpassbewirtschaftung gegenüberstehen. Ob und wann dieser Effekt eintritt, hängt vom tatsächlichen Baufortschritt ab.

Reservebedarf bleibt auch langfristig hoch

Für den Winter 2028/2029 bestätigt die Behörde bereits einen Bedarf von 8.274 Megawatt. Die Modellrechnung erwartet dann weiterhin erhebliche Netzengpässe. Gleichzeitig verändert sich der verfügbare konventionelle Kraftwerkspark. Deshalb bleibt Deutschland auf steuerbare Anlagen an netzdienlichen Standorten angewiesen. Auch grenzüberschreitende Redispatch-Kooperationen behalten ihre Bedeutung.

Die steigenden Werte sind keine konkrete Prognose für einen Blackout. Sie beziffern vielmehr die Vorsorge für besonders belastende Netzsituationen. Entscheidend bleiben verfügbare Kraftwerke, grenzüberschreitende Transportkapazitäten und schnelle Eingriffe der Netzbetreiber. Verzögert sich der Leitungsausbau, wächst der operative Aufwand. Zudem bleiben die Kosten für Redispatch und Reservebeschaffung im Stromsystem bestehen.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Bundesnetzagentur (Stand 17.06.26)Bundesnetzagentur (Stand 17.06.26)Bundestag (Stand: 17.06.26)SWK (10.06.26)ZFK (22.05.26)Finanznachrichten (22.05.26)

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