Deutschland erlebt beim Windstrom den zweiten Rückgang in Folge, obwohl die installierte Leistung weiter steigt. Ende 2023 standen rund 68,9 GW bereit und die Erzeugung lag bei etwa 142 TWh. Ende 2024 kletterte die Leistung auf rund 72,4 GW, jedoch fiel die Produktion auf rund 138 TWh. Ende 2025 wuchs die Leistung weiter auf rund 77,9 GW, trotzdem sank die Erzeugung auf 132,6 TWh, und damit verfestigt sich der Rückgang (faz: 08.02.26).
Rückgang trotz Ausbau – warum mehr Gigawatt nicht mehr Strom bedeuten
Der zentrale Treiber liegt im Windangebot, denn an Land blieben 2024 und 2025 viele Stunden zu schwach. 50Hertz formulierte für 2025: „2025 wehte vor allem an Land nur ein durchschnittlich laues Lüftchen, unter normalen Umständen wäre die Windausbeute aufgrund des Zubaus von Windkraftanlagen deutlich höher ausgefallen“. Dadurch läuft selbst neuer Bestand häufig unter Erwartung und die Statistik kippt trotz höherem Zubau. Außerdem steigt die Bedeutung von Reserve und Flexibilität, weil Ertragsschwankungen härter in den Markt schlagen.

Offshore dämpft solche Ausschläge, weil die Seegebiete oft gleichmäßiger liefern, aber der Anteil bleibt begrenzt. 2025 kamen aus der Nordsee rund 20,8 TWh und die Ostsee steuerte rund 5,4 TWh bei. Damit liefert Offshore grob ein Fünftel der Windstrommenge, während Onshore das Gesamtergebnis dominiert. Dennoch kann Offshore eine flächige Flaute im Binnenland nicht „wegproduzieren“, und die Jahreszahl bleibt anfällig.
Nordsee wird zur Strategie – doch Netze entscheiden über die Wirkung
Die Politik setzt auf die Nordsee als skalierbares Kraftwerksgebiet, weil dort große Leistungen gebündelt werden können. Schon 2023 beschlossen die Anrainerstaaten den Ausbau zum „grünen Kraftwerk für Europa“ mit einem Ziel von bis zu 300 GW bis 2050. Ende Januar bekräftigten mehrere Länder in Hamburg den Kurs, und sie wollen die Nordsee „zum weltgrößten Drehkreuz“ für saubere Energie machen. Gleichzeitig vereinbarten sie bis zu 100 GW grenzüberschreitende Vernetzung, damit Strom nicht an nationalen Engpässen hängen bleibt.
Genau hier liegt der Engpass, denn ohne Kabel und Konverter bleibt Leistung auf dem Papier. Tennet-Germany-Chef Tim Meyerjürgens sagte: „Europa hat jetzt die Chance, das volle Potenzial der Nordsee als grünes Kraftwerk zu heben“. Diese Chance hängt an Infrastruktur und Tempo, weil Verzögerungen den Nutzen der Parks direkt schmälern. Zudem verstärkt ein weiterer Rückgang der Jahreserzeugung den Druck, Netzausbau und Systemreserve nicht länger als Nebenthema zu behandeln.
Staat steigt ein, Projekte laufen an – trotzdem bleibt das Wetter der Taktgeber
Deutschland beteiligt sich mit 25,1 Prozent an Tennet Germany und der Bund investiert dafür rund 3,3 Milliarden Euro über die KfW. Damit rückt die Steuerung des Übertragungsnetzes stärker in die nationale Hand, und das passt zur Offshore-Strategie. Gleichzeitig hält der Bund bei 50Hertz bereits Anteile und die Ostsee bekommt zusätzliches politisches Gewicht. Dennoch zählt am Ende nur eingespeister Strom, weil installierte Leistung allein keine Versorgung garantiert.
Auf der Erzeugerseite stehen neue Schritte bevor und zwar auch jenseits deutscher Gewässer. Windanker soll in der zweiten Jahreshälfte ans Netz gehen, während Gennaker ab 2028 als besonders großer Offshore-Park folgt. Außerdem soll Bornholm Energy Island mit Energinet Zugang zu Windstrom außerhalb deutscher Gewässer eröffnen und das erweitert den Spielraum. Trotzdem bleibt der Kern nüchtern: Wenn der Wind schwach bleibt, dann kann die Erzeugung erneut sinken, selbst bei weiter wachsender Leistung. Aus den beiden letzten Jahren wird klar: die installierte Leistung lässt sich nicht linear auf den Ertrag skalieren. Insbesondere bei den Offshore-Anlagen wird das in den nächsten Jahren auch zum Tragen kommen, wenn sich die Windparks gegenseitig den Wind aus den Rotoren nehmen.
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