ZF zieht im E-Bike-Segment die Reißleine. Der Konzern setzt den Vertrieb seiner Antriebssysteme mit sofortiger Wirkung aus, nachdem mit Raymon ein wichtiger Kunde abgesprungen ist. Dabei sollte genau dieser Antrieb ein neues Geschäftsfeld eröffnen. ZF wollte sich damit unabhängiger vom schwankenden Autogeschäft machen und in einem Wachstumsmarkt Fuß fassen. Außerdem zielte der Konzern darauf, den dominierenden Systemen von Bosch und Shimano spürbar Konkurrenz zu machen. Nun gerät das neue 48-Volt-System Centrix kurz nach dem großen Auftritt 2024 in eine kritische Phase (emtb-news: 06.02.26).
Schlüsselkunde weg – E-Bike-System Centrix verliert die Basis
Auslöser ist der Rückzug des Herstellers Raymon. Raymon galt als Launch-Partner und sollte dem Centrix-System Reichweite geben, dennoch beendet das Unternehmen die Zusammenarbeit. Stattdessen kehrt Raymon zu Bosch und Yamaha zurück, weil diese Plattformen Absatz und Serviceketten absichern.

©ZF
ZF nennt zwar weitere Marken als Referenzen, jedoch ersetzt das kein Volumenmodell. Genau hier entscheidet sich im Markt vieles über Skalierung und Support. Wenn diese Kette reißt, kippt ein Projekt schnell. Deshalb stoppt ZF jetzt den Vertrieb, statt weiter auf einen Durchbruch zu hoffen.
Bestätigung aus dem Konzern und ein Bruch mit den eigenen Ambitionen
Ein Unternehmenssprecher hat laut Branchenmagazin Bike Europe bestätigt, dass ZF die Verkaufsaktivitäten in diesem Bereich komplett ruhen lässt. Damit endet vorerst eine Strategie, die intern als Aufbauprojekt für die Zeit nach dem klassischen Verbrennergeschäft galt. ZF investierte in Entwicklung, Integration und Systemarchitektur, weil ein Antrieb im Bike-Markt nicht nur aus einem Motor besteht. Entscheidend sind Software, Akku, Schnittstellen und Partnernetzwerke.
Der Einstieg begann 2018 mit der Übernahme von Sachs Micro Mobility. Das Ziel war klar: Hersteller als Kunden gewinnen und langfristig Stückzahlen skalieren. Dafür musste Centrix schnell zum Serienstandard werden. Genau diese Dynamik fehlt nun.
Finanzhinweise liefern den Kontext – Projekte enden früher als geplant
Bereits am 23. Januar hatte ZF per Finanzmitteilung das vorzeitige Ende mehrerer Projekte in der Sparte elektrifizierte Antriebstechnik angekündigt. Damals verwies der Konzern vor allem auf den schleppenden Hochlauf der E-Mobilität im KFZ-Sektor. Allerdings passt das Bild auch zum europäischen Bike-Markt, weil dort der Wettbewerb hart ist und neue Systeme kaum Luft bekommen.
Hinzu kommt, dass Händler und Hersteller aktuell stark auf bewährte Plattformen setzen. Das reduziert das Risiko bei Ersatzteilen und Garantiefällen und es spart Schulungsaufwand. Für neue Anbieter wird der Zugang dadurch noch teurer. In diesem Umfeld reicht Technik allein nicht aus.
Was Käufer jetzt konkret wissen müssen
Für Besitzer eines E-Bike mit ZF-Antrieb beginnt eine Phase der Unsicherheit. Neue Modelle mit ZF-Antrieb dürften vorerst kaum in den Handel kommen, weil der Vertrieb pausiert. Zugleich bleibt offen, wie ZF den Support langfristig absichert, obwohl das Unternehmen eine interne „Prüfung“ angekündigt hat.
Technisch galt Centrix als interessant, weil es kompakt ausfällt und auf 48 Volt setzt. Dennoch entscheidet am Ende nicht nur die Leistung, sondern das System aus Partnern, Service und Ersatzteilen. Wenn dieses Netz fehlt, hilft auch ein guter Motor nicht. Genau deshalb steht das E-Bike-Projekt nun vor der Bewährungsprobe, obwohl es gerade erst gestartet war.
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