Winter-Stresstest – Gaskraftwerke ersetzen abgeschaltete Atomkraft nur auf dem Papier

Im Winter entscheidet sich, ob Versorgungssicherheit mehr ist als ein Plan, denn dann zählt gesicherte Leistung. Deutschland setzt als Ersatz für die abgeschalteten Atomkraftwerke auf Gaskraftwerke, obwohl die Gasspeicher aktuell niedrig gefüllt sind. Gleichzeitig reagieren die Strompreise empfindlich, sobald Gas häufiger zur Stromerzeugung gebraucht wird. Nach dem Ende der Atomkraft fehlt dadurch eine verlässliche wetterunabhängige Erzeugung, die früher einen Teil der Grundlast abdeckte.


Winter und Gas: Warum Reservekraftwerke nur so sicher sind wie die Speicher

Am 22. Januar 2026 lag der Füllstand der Gasspeicher je nach Quelle bei rund 40 Prozent. Damit ist der Puffer sehr klein und eine Gasmangellage steht bereits im Raum, obwohl der Winter noch nicht vorbei ist.

Winter legt Schwächen der Energiewende offen - Gaskraftwerke treffen auf niedrige Gasspeicherständer und die Atomkraft fehlt
Winter legt Schwächen der Energiewende offen – Gaskraftwerke treffen auf niedrige Gasspeicherständer und die Atomkraft fehlt

Das ist für Gaskraftwerke relevant, weil sie im Engpassfall denselben Brennstoff benötigen wie Wärmeversorgung und Industrie. Wenn in einer Kälteperiode die Entnahme steigt, dann sinkt die Flexibilität für Stromproduktion. Deshalb kann die Gasreserve in kritischen Stunden weniger leisten, als die installierte Leistung vermuten lässt. Und genau dann steigen sowohl die Gas- als auch die Strompreise, weil Knappheit im Markt sofort eingepreist wird.

Kraftwerksstrategie setzt auf Gas – obwohl der Winter das Risiko zeigt

Die Bundesregierung hat sich mit der EU-Kommission auf Eckpunkte der Kraftwerksstrategie verständigt und 2026 sollen 12 Gigawatt neue steuerbare Kapazität ausgeschrieben werden. Nach aktuellen Berichten ist der Schwerpunkt gasbasiert, weshalb neue Gaskraftwerke den Kern der Absicherung bilden sollen. Das passt zur Logik nach dem Ausstieg aus der Atomkraft, weil Gas schnell regelbar ist und kurzfristig Dunkelflauten überbrücken kann.

Der Winter zeigt jedoch, dass Regelbarkeit nicht gleich Verfügbarkeit ist. Ein Kraftwerk kann technisch einsatzbereit sein, aber ohne ausreichende Gasspeicher bleibt die Einsatzplanung begrenzt. Damit wird die „Backup“-Rolle von Gas zur Systemwette auf stabile Lieferketten. Und diese Wette schlägt unmittelbar auf Gas- und Strompreise durch, weil der Grenzpreis oft von gasbasierten Anlagen geprägt wird.


Die Systemrechnung wird teurer – und weniger robust

Gaskraftwerke als Absicherung benötigen in der Regel zusätzliche Vergütungsmodelle, weil sie selten laufen und am Markt nicht zuverlässig refinanzieren. Dadurch steigen die Kosten nicht nur im Betrieb, sondern bereits im Design des Marktes. Gleichzeitig verlagert die Strategie Risiken in die Brennstoffseite und dort zählen Füllstände im Speicher mehr als politische Zielzahlen. Das macht den Ersatz der Atomkraft durch Gaskraftwerke in der Praxis fragiler, als es auf dem Papier wirkt.

Für Verbraucher ist die Wirkung klar messbar, weil Gas- und Strompreise in angespannten Lagen schnell anziehen. Unternehmen kalkulieren dann mit höheren Energiekosten, obwohl der Strombedarf oft konstant bleibt. Zudem erhöht zusätzlicher Gasbedarf für Strom die Konkurrenz um Mengen, und das belastet die Gasspeicher weiter. Der aktuelle Winter liefert dafür einen konkreten Referenzpunkt, weil die Bestände schon im Januar deutlich unter früheren Niveaus liegen. (KOB)

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