Im Kreis Hofgeismar steht der Windpark Reinhardswald vor dem nächsten tiefen Eingriff in Natur und Infrastruktur. Der Transport der 75 Meter langen Rotorblätter soll nun über eine neu festgelegte Transportstrecke in den Wald bei Gottsbüren erfolgen, weil die ursprünglich vorgesehene Anlieferung wegen der abgelasteten Weserbrücke in Hann. Münden für den Schwertransport nicht mehr befahrbar ist. Für die neue Transportstrecke müssen jedoch weitere Bäume gefällt, Gehölze massiv zurückgeschnitten, Straßen verbreitert und zwei Skulpturen vorübergehend entfernt werden. Zugleich kommt der neue Eingriff in einer Phase, in der das Projekt bereits wegen einer ohne abschließende Genehmigung begonnenen Asphaltierung von Waldwegen unter erheblichem Druck steht. Der Betreiber hält dennoch am Ziel fest, den Windpark im Sommer in Betrieb zu nehmen (hna: 04.03.26).
Die neue Transportstrecke bringt neue Einschnitte
Im Mittelpunkt steht nicht mehr nur die Frage, wie die Rotorblätter den Wald erreichen. Entscheidend ist vielmehr, welche weiteren Eingriffe in die Natur entlang der Trasse notwendig sind. Nach Angaben des Regierungspräsidiums müssen fünf Bäume gefällt werden, außerdem sollen Sträucher und Stockaustriebe zurückgeschnitten werden, damit die Spezialtransporter die Strecke überhaupt passieren können.

Hinzu kommen bauliche Eingriffe in den Straßenraum. An mehreren Stellen werden Verbreiterungen mit Natursteinschotter oder Alu-Paneelen hergestellt, damit die überlangen Transporte Engstellen und Kurven bewältigen können. Außerdem sollen die Wisent-Statue an der Beberbecker Allee und die Wildschwein-Statue am Parkplatz Forstscheid vorübergehend weichen. Die Kunstwerke werden eingelagert und später wieder aufgestellt, doch der Vorgang zeigt, wie weit die Anforderungen des Projekts inzwischen in das Umfeld ausgreifen.
Der Wald ist bereits zuvor stärker verändert worden als ursprünglich dargestellt
Besonders brisant ist der neue Eingriff, weil der Windpark Reinhardswald schon 2025 wegen einer anderen Maßnahme in die Kritik geraten war. Damals begann der Betreiber mit der Asphaltierung von Teilen der Waldwege, obwohl die abschließende Genehmigung nach Angaben des Regierungspräsidiums noch nicht vorlag. Genehmigt waren für die Zuwegung zunächst Aufschotterungen, teilweise Verbreiterungen und Kurvenaufweitungen. Die temporäre Asphaltierung von rund 1,3 Hektar beantragte die Gesellschaft erst im Mai 2025. Dennoch liefen die Arbeiten laut Behörde bereits ab dem 12. September an.
Das Regierungspräsidium leitete deshalb ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein. Möglich ist ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro, während die Behörde zugleich erklärte, der Antrag sei nach erster Prüfung wahrscheinlich genehmigungsfähig. Genau an diesem Punkt setzt die Kritik an. Wenn zunächst ein begrenzter Eingriff beantragt wird und später tiefgreifendere Änderungen folgen, stellt sich für Kritiker die naheliegende Frage, ob Projekte im Vorfeld bewusst schlanker dargestellt werden, um die Genehmigungshürde zu senken. Der Verlauf im Reinhardswald nährt genau diesen Verdacht.
Behörden sehen kein Habitatpotenzial, doch der Zweifel bleibt
Auch beim jetzigen Rotorblatt-Transport verweist die Behörde auf Prüfungen zum Artenschutz. Die betroffenen Bäume seien vor der Fällung auf Höhlen und Spalten untersucht worden. Das Regierungspräsidium erklärte dazu: „Ja, die zu fällenden Bäume wurden vor Fällung auf Höhlen und Spalten untersucht. Es wurden keine derartigen Strukturen mit Habitatpotential festgestellt.“ Zugleich wurde bekannt, dass die Baumkronen bei der Untersuchung gar nicht vollständig einsehbar waren. Gerade in einem ökologisch sensiblen Wald verstärkt das die Skepsis.
Der Konflikt um den Reinhardswald reicht deshalb längst über einzelne Transporte hinaus. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof wies zwar Ende Dezember 2025 einen Eilantrag der Gemeinde Wesertal gegen die laufenden Bauarbeiten zurück. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich das Bild eines Projekts verfestigt, dessen Eingriffe Schritt für Schritt über den ursprünglich geplanten Stand hinaus wachsen. Erst zusätzliche Asphaltflächen im Wald, nun weitere Fällungen und Umbauten für den Rotorblatt-Transport. Der Reinhardswald erlebt keinen punktuellen Eingriff, sondern eine fortlaufende Ausweitung der Baustellenlogik. Genau das macht das Projekt politisch und ökologisch so brisant.
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