Von der EU mit über 650 Millionen gefördert – Mittelmeer-Stromkabel vor dem Scheitern

Das geplante Mittelmeer-Stromkabel Great Sea Interconnector zwischen Kreta, Zypern und später Israel steht trotz EU-Förderung vor dem Scheitern. Das Vorhaben soll die Energie-Isolation Zyperns beenden. Es wurde von der EU mit 657,9 Millionen Euro unterstützt und galt als strategisches Projekt im östlichen Mittelmeer. Eigentlich sollte das Kabel schon Ende 2023 fertig sein, doch bis heute begann keine Verlegung. Nach Angaben des früheren Energieministers Giorgos Papanastasiou bremsen lokale Interessen auf Zypern das Projekt aus. Dadurch bleiben hohe Stromkosten, Risiken für Netzstabilität und Versorgungssicherheit sowie große Verluste bei erneuerbaren Energien bestehen (handelsblatt: 05.03.26).


Warum das Mittelmeer-Projekt für Zypern entscheidend ist

Zypern ist der einzige EU-Staat ohne Anschluss an ein überregionales Stromnetz. Deshalb hängt die Insel weiter vollständig von der eigenen Stromproduktion ab. Rund 74 Prozent des Stroms kommen aus Kraftwerken, die Schweröl oder Diesel verbrennen. Das macht Strom teuer und belastet zugleich die Umwelt.

Trotz 657,9 Millionen Euro EU-Förderung droht das Mittelmeer-Stromkabel von Griechenland nach Zypern zu scheitern
Trotz 657,9 Millionen Euro EU-Förderung droht das Mittelmeer-Stromkabel von Griechenland nach Zypern zu scheitern

Erneuerbare Energien decken bisher nur etwa 25 Prozent der Stromproduktion. Ein zentrales Problem liegt jedoch im Netz. Im Jahr 2024 musste Zypern rund 29 Prozent des erzeugten Ökostroms abregeln, weil das Netz die Mengen nicht aufnehmen konnte. Ein Anschluss an das europäische Verbundnetz würde diese Engpässe verringern. Außerdem könnte die Insel ihr Potenzial bei Solar- und Windkraft deutlich besser nutzen.

Lokale Interessen blockieren günstigeren Strom

Gerade darin sehen Teile der heimischen Energiebranche eine Gefahr. Günstiger Importstrom würde bestehende Geschäftsmodelle angreifen. Papanastasiou sagte dazu: „Alles, was aus einer anderen Stromquelle auf den kleinen zyprischen Markt gelangt und nicht der Kontrolle der lokalen Akteure unterliegt, wird als Bedrohung wahrgenommen.“ Damit beschreibt er den Kern des Konflikts sehr klar.

Betreiber von Solar- und Windparks profitieren derzeit von hohen Vergütungen. Diese orientieren sich an den hohen Kosten der konventionellen Stromproduktion. Auch die Mineralölbranche will keine schnelle Veränderung. Würde Strom über das Kabel aus Griechenland kommen, könnte die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EAC ihre ölgetriebenen Kraftwerke schrittweise zurückfahren. Papanastasiou bringt diese Haltung deshalb auf den Punkt: „Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“


Politische Unsicherheit belastet das östliche Mittelmeer

Zusätzlich fehlt dem Projekt auf Zypern der klare politische Rückhalt. Präsident Nikos Christodoulides versichert zwar öffentlich, am Kabel festhalten zu wollen. Zugleich sendet er seit Monaten widersprüchliche Signale. Papanastasiou, einer der wichtigsten Befürworter, verlor im vergangenen Dezember sein Amt. Das stärkte die Gegner des Projekts spürbar.

Inzwischen haben Griechenland und Zypern das Vorhaben vorerst eingefroren. Die wirtschaftlichen und technischen Grundlagen sollen neu bewertet werden. Außerdem soll eine neue Machbarkeitsstudie entstehen. Viele Beobachter sehen darin jedoch das faktische Aus für das Projekt im Mittelmeer. Damit droht Zypern weiter energiewirtschaftlich isoliert zu bleiben, während auch Israel ohne Anschluss an das europäische Stromnetz bleibt.

Die Folgen reichen zudem über die Energiepolitik hinaus. Der Streit belastet die traditionell engen Beziehungen zwischen Griechenland und Zypern. Zugleich nutzt die Hängepartie der Türkei, die das Kabel als völkerrechtswidrig ablehnt. Ankara beansprucht ein Seegebiet, durch das die Leitung verlaufen soll, als eigene Wirtschaftszone. Die EU hält dennoch am Projekt fest. Energiekommissar Dan Jørgensen nannte es „von strategischer Bedeutung“ und forderte die „volle Zusammenarbeit und Koordination der beteiligten Mitgliedstaaten“. Ohne diesen politischen Rückhalt dürfte das längste Untersee-Stromkabel der Welt jedoch kaum noch gebaut werden.

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