Im mittelfränkischen Hirschneuses liegt Ende Oktober 2026 ein geplantes Vier-Milliarden-Euro-Projekt des US-KI-Unternehmens Anthropic vorerst auf Eis. Der Konzern will dort ein leistungsfähiges KI-Rechenzentrum errichten. Doch das Stromnetz verfügt derzeit nicht über genügend freie Anschlusskapazitäten für die konkurrierenden Großprojekte in der Region. Der Netzbetreiber N-ERGIE hat dem benachbarten Playmobil-Standort in Dietenhofen bereits Kapazitäten für ein eigenes Rechenzentrum zugesagt. Für Anthropic fehlt dagegen die notwendige Anschlusszusage. Damit blockiert unzureichende Strominfrastruktur vorerst eine der größten geplanten Investitionen in die digitale Infrastruktur Deutschlands.

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Vier Milliarden Euro Investition scheitern vorerst am Stromanschluss
Anthropic entwickelt mit Claude eines der bekanntesten KI-Systeme der Welt. Das Unternehmen plant nach Medienberichten bei Neuhof an der Zenn ein Rechenzentrum für rund vier Milliarden Euro. Allerdings benötigt eine solche Anlage erhebliche elektrische Leistungen, um Server und Kühlsysteme dauerhaft zu betreiben. Ohne gesicherten Netzanschluss fehlt deshalb eine zentrale Voraussetzung für die weitere Projektentwicklung.
Die Bürgermeisterin von Neuhof an der Zenn, Claudia Wust, bestätigte den Stillstand der Planungen. Nach ihren Angaben hat N-ERGIE die verfügbaren Kapazitäten zunächst für das Projekt der Playmobil-Gruppe reserviert. Deshalb fehlt dem Standort Hirschneuses derzeit die notwendige Planungssicherheit. Wust fordert eine Aufteilung der verfügbaren Netzkapazitäten auf beide Vorhaben. Eine endgültige Absage an Anthropic liegt allerdings noch nicht vor.
Playmobil erhält 100 Megawatt – Anthropic muss warten
Während das Milliardenprojekt in Hirschneuses nicht vorankommt, schafft die Horst Brandstätter Group in Dietenhofen bereits Fakten. Das Unternehmen will sein ehemaliges Playmobil-Werk in einen Rechenzentrum-Campus umwandeln. Geplant ist zunächst eine Anschlussleistung von 100 Megawatt mit weiteren Ausbaumöglichkeiten. Die dafür erforderlichen Netzkapazitäten hat N-ERGIE nach Unternehmensangaben bereits zugesichert.
Das rund 18 Hektar große Industrieareal bietet dafür günstige Voraussetzungen. Bereits vorhanden sind eine 110-Kilovolt-Anbindung mit zwei getrennten Zuführungen und leistungsfähige Datenverbindungen. Außerdem können bestehende Gebäude teilweise weitergenutzt werden. Die Unternehmensgruppe will einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Unter dem Namen Playmobil digital sollen künftig Unternehmen und internationale Rechenzentrumsbetreiber Infrastruktur und Rechenleistung nutzen können.
Stromnetz kann geplanten Rechenzentren nicht genügend Leistung liefern
Wie groß das Problem tatsächlich ist, verdeutlichen Angaben von N-ERGIE. Dem Netzbetreiber liegen mehrere Anschlussanfragen für Rechenzentren vor. Zusammen benötigen diese Projekte etwa die doppelte elektrische Leistung, die Nürnberg gewöhnlich beansprucht. Allerdings stehen die angefragten Kapazitäten derzeit nicht vollständig zur Verfügung. Der Netzbetreiber muss zudem die Versorgungssicherheit seiner bestehenden Kunden gewährleisten.
Dabei ist zwischen Stromerzeugung und Netzanschlussleistung zu unterscheiden. Deutschland kann insgesamt ausreichend Strom erzeugen oder importieren, ohne dass jeder Standort die gewünschte Leistung beziehen kann. Entscheidend sind die örtlichen Leitungen, Umspannwerke und vorgelagerten Netzebenen. Für ein Rechenzentrum mit 100 Megawatt Anschlussleistung ergibt sich bei vollständiger Dauerauslastung ein rechnerischer Jahresverbrauch von 876 Millionen Kilowattstunden. Der tatsächliche Verbrauch hängt jedoch von der späteren Auslastung ab.
Milliardeninvestitionen hängen zunehmend von der Strominfrastruktur ab
Der Konflikt zeigt eine grundlegende Schwäche bei der Ansiedlung stromintensiver Zukunftstechnologien. Deutschland möchte international führende KI-Unternehmen gewinnen und neue digitale Infrastruktur aufbauen. Gleichzeitig können Netzengpässe verhindern, dass Investoren ihre Vorhaben an geeigneten Standorten verwirklichen. Grundstücke, Kapital und technisches Know-how reichen deshalb nicht mehr aus. Ohne verbindlich verfügbare elektrische Anschlussleistung bleiben selbst milliardenschwere Projekte vorerst reine Planungen.
Besonders problematisch sind die langen Vorlaufzeiten beim Ausbau der Strominfrastruktur. Neue Leitungen und Umspannwerke erfordern technische Planung, Genehmigungen und hohe Investitionen. Hinzu kommen Lieferzeiten für große Transformatoren und andere Betriebsmittel. Deshalb lassen sich fehlende Netzkapazitäten nicht kurzfristig bereitstellen. Für Investoren entsteht dadurch ein erheblicher Standortnachteil, weil andere Regionen möglicherweise schneller belastbare Anschlusszusagen ermöglichen.
Nach 350 verlorenen Industriearbeitsplätzen entsteht ein neuer Stromgroßverbraucher
In Dietenhofen endete Ende Juni die deutsche Spielzeugproduktion von Playmobil. Rund 350 Beschäftigte verloren dadurch ihre Arbeitsplätze. Die Fertigung wanderte aus Kostengründen nach Malta und Tschechien. Nun soll das frühere Produktionsgelände als digitaler Infrastrukturstandort eine neue wirtschaftliche Nutzung erhalten. Allerdings hat die Unternehmensgruppe bislang keine konkrete Zahl neuer Arbeitsplätze genannt.
Rechenzentren unterscheiden sich zudem erheblich von klassischen Produktionsbetrieben. Sie benötigen große elektrische Leistungen, beschäftigen im laufenden Betrieb jedoch vergleichsweise wenig Personal. Deshalb lässt sich aus der Investitionssumme allein kein entsprechender Beschäftigungseffekt ableiten. Auch für das geplante Anthropic-Projekt fehlen bislang konkrete Angaben zu Arbeitsplätzen und regionaler Wertschöpfung. Ein erheblicher Teil der Investitionen dürfte auf importierte Server, Prozessoren und andere IT-Technik entfallen.
Deutschland riskiert Milliardeninvestitionen durch fehlende Netzkapazitäten
Die Playmobil-Gruppe weist den Vorwurf zurück, andere Vorhaben bewusst zu behindern. Ihr Rechenzentrum stehe grundsätzlich auch internationalen Unternehmen offen. Außerdem liefen die eigenen Planungen bereits seit 2025. Der Konflikt entsteht somit nicht durch ein grundsätzliches Verbot des Anthropic-Projekts, sondern durch die begrenzte Verfügbarkeit elektrischer Anschlussleistung.
Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist das dennoch ein ernstes Warnsignal. Ein internationaler KI-Konzern erwägt eine Investition von rund vier Milliarden Euro, findet jedoch keine ausreichende Planungssicherheit beim Stromanschluss. Während Politik und Wirtschaft über Digitalisierung und künstliche Intelligenz sprechen, scheitert die konkrete Umsetzung vorerst an einer grundlegenden infrastrukturellen Voraussetzung. Ob Anthropic seine Pläne später verwirklichen kann, hängt deshalb maßgeblich vom Ausbau und der Verteilung der verfügbaren Netzkapazitäten ab.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: BR24 (29.10.26) – Immobilien Zeitung (29.10.26) – Nürnberger Nachrichten (30.10.26) – Horst Brandstätter Group (28.10.26)
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