Mehrere Berichte zur Prognose der Bundesnetzagentur greifen derzeit eine zentrale Aussage auf: 2026 könnten die Strompreise stabil bleiben, oder gar sinken weil mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien das Angebot wachse und deshalb preisdämpfend wirke (welt: 27.12.25). Diese Darstellung prägt die öffentliche Wahrnehmung, zumal sie als Erfolgssignal für die Energiepolitik verkauft wird. Dennoch entscheidet sich die Lage nicht an der Überschrift solcher Schlagzeilen, sondern an tatsächlichen Kosten, die der Staat teils über Steuermittel abdeckt und die deshalb nicht als Bestandteil des Strompreises erscheinen (apollo-news: 24.01.26).
Deutschlands Strompreis startet auf europäischem Rekordniveau
Deutschland geht nicht aus einer entspannten Lage in die Debatte. Der Household Energy Price Index (HEPI) weist für November 2025 einen durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von 39,35 Cent je Kilowattstunde aus, womit Deutschland in Europa an der Spitze liegt. Das ist relevant, weil viele Nachbarländer den Preisschock von 2022 inzwischen stärker abgeschmolzen haben, während Deutschland weiter auf hohem Niveau bleibt.

Für eine belastbare Einordnung braucht es die Aufteilung des Endpreises. Er entsteht aus Erzeugung, Netzinfrastruktur sowie Abgaben und Steuern. Deshalb kann „mehr Angebot“ zwar wirken, doch das erklärt nicht automatisch die Abrechnung des Stromanbieters.
Großhandelspreise zeigen den strukturellen Abstand
Auch der Großhandel stützt die Entlastungsthese nur begrenzt. Im Jahresdurchschnitt 2025 stieg der deutsche Börsenstrompreis von 7,85 auf 8,93 Cent je Kilowattstunde. Frankreich lag im gleichen Zeitraum bei 6,11 Cent. Der Terminmarkt für 2026 erwartet etwa 8,54 Cent für Deutschland und 5,08 Cent für Frankreich, weshalb der Abstand bei rund 70 Prozent liegen würde.
Dieser Abstand hängt mit der Systemarchitektur zusammen. Volatile Erzeugung erhöht den Bedarf an Reserve- und Backup-Kapazitäten. Sobald Wind und Sonne schwächeln oder die Nachfrage steigt, steigen die Preise und das spiegelt sich im deutschen Großhandel.
Netzkosten und Redispatch verlagern die Belastung
Der größte Druck entsteht jedoch im Netz, nicht an der Börse. Redispatch steht für Eingriffe, mit denen Netzbetreiber Schwankungen ausgleichen, wenn Erzeugung und Verbrauch nicht zusammenpassen. Diese Eingriffe kosten seit Jahren Milliarden. Sie werden über Netzentgelte finanziert und damit an die Kunden weitergegeben.
Hinzu kommt der Netzausbau als langfristiger Kostentreiber. Die Energiedenkfabrik ef.Ruhr beziffert den Investitionsbedarf bis 2045 auf 732 Milliarden Euro. McKinsey skizziert in einem Ausbau-Szenario einen Anstieg der Netzentgelte von heute rund 11 auf etwa 25 Cent je Kilowattstunde bis 2035. In dieser Logik rückt ein Haushaltsstrompreis um 50 Cent je Kilowattstunde in Reichweite, weil Infrastrukturkosten den Tarif zunehmend dominieren.
Die 30-Milliarden-Euro-Stütze hinter „stabilen“ Preisen
Wenn trotz dieser Kostentrends von Stabilität die Rede ist, spielt staatliche Finanzierung eine zentrale Rolle. Der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger beziffert die Zuschüsse im Stromsektor auf 24,5 Milliarden Euro für 2025 und 29,5 Milliarden Euro für 2026. Zusätzlich ist ein Industriestrompreis geplant, der derzeit mit rund 1,5 Milliarden Euro kalkuliert wird. Den größten Einzelposten bildet die EEG-Förderung, für die Bofinger 2026 etwa 17,2 Milliarden Euro prognostiziert, wobei die Summe wetterabhängig stark schwanken kann.
Wichtig ist dabei die Dynamik der Förderlogik. Mit jedem zusätzlichen Ausbau steigt die Menge an Anlagen im System. Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln erwartet, dass die EEG-Förderung bis 2030 auf rund 23 Milliarden Euro steigen könnte. Damit wird aus einer Stütze ein dauerhafter Kostenbestandteil, auch wenn er nicht als eigene Zeile auf der Stromrechnung auftaucht.
Umgerechnet auf die Kilowattstunde wird die Verschiebung sichtbar
Die Größenordnung lässt sich in eine Kilowattstunden-Rechnung übersetzen. Deutschland entnahm 2025 laut Energy-Charts rund 440,8 Terawattstunden Strom aus dem öffentlichen Netz. Legt man die Zuschusssummen auf diese Menge um, ergibt sich eine verdeckte Preisstütze von rund 5,7 Cent je Kilowattstunde für 2025 und etwa 6,8 Cent für 2026. Der Haushaltsstrompreis liegt damit rechnerisch nicht bei 39,35 Cent, sondern näher an 45 Cent, sobald die Steuerfinanzierung mitgerechnet wird.
Damit ändert sich nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Wahrnehmung. Der Strompreis wirkt stabiler, weil ein Teil der Kosten außerhalb des Tarifs bezahlt wird. Für Verbraucher und Betriebe bleibt die Belastung dennoch real, nur verteilt sie sich anders.
Stabilität im Tarif ersetzt keine Kostensenkung
Die zentralen Kostentreiber werden bisher nicht aus dem System genommen. Volatilität erzeugt Bedarf an Reserveleistung, während Redispatch die laufenden Milliardenkosten verstetigt. Gleichzeitig schiebt der Netzausbau die Netzentgelte in eine steile Kurve. Subventionen können den Tarif glätten, doch sie ersetzen keine strukturelle Senkung der Systemkosten.
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