„Die Leute sollen sich gerne Solar aufs Dach bauen, aber bitte ungefördert.“ Mit diesem Satz hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Debatte um einen Kurswechsel bei der Energiewende angestoßen. Sie brachte ein Ende der Förderung privater Photovoltaikanlagen ins Gespräch. Unterstützung erhält sie von RWE-Chef Markus Krebber, der die aktuelle Solarförderung als überholt und sozial ungerecht betrachtet. Seiner Ansicht nach rechnet sich eine Solaranlage auch ohne Zuschüsse, da Haushalte Stromkosten sparen und weniger Netzausbaukosten tragen (welt: 27.08.25).
Kritik an Mitnahmeeffekten der Solarförderung
Krebber kritisiert, dass die bisherige Solarförderung vor allem „Mitnahmeeffekte“ schafft. Er betont vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf (WPV), dass Zuschüsse für neue Hausdachanlagen falsch seien. Zwar existieren Einspeisevergütung und Steuererleichterungen, doch Krebber hält sie für unnötig. Private Betreiber senken ihre Stromausgaben, gleichzeitig profitieren sie von einer Entlastung bei Netzentgelten, die nach Verbrauch verteilt werden.

Problematisch ist aus seiner Sicht, dass kleine Photovoltaik-Anlagen Strom ins Netz speisen, wenn dieser nicht gebraucht wird. „Eigentlich genau solche Nutzer und Einspeiser, wie sie keiner haben will“, formuliert er. Denn eingespeister Solarstrom fließt bei starker Sonneneinstrahlung, während die Preise an der Börse niedrig sind. Trotzdem erhalten Betreiber Vergütungen, die über den Marktpreisen liegen. Die Netzausbaukosten trägt hingegen die Allgemeinheit, auch jene Haushalte, die keine eigene Anlage besitzen.
Kurswechsel bei den Netzkosten gefordert
Krebber verlangt einen Kurswechsel in der Kostenstruktur. Er fordert eine Reallokation der Netzkosten: „Derjenige, der immer nur in Extremsituationen das Netz in Anspruch nimmt, der müsste eigentlich mehr zahlen.“ Wer sich vollständig abkoppelt, müsse nichts beitragen. Wer das Netz hingegen wie eine Versicherung nutzt, um an kritischen Wintertagen Strom zu beziehen, solle höhere Kosten tragen.
Zudem fordert er Baukostenzuschüsse für den Anschluss neuer Anlagen. Ob Solardach, Offshore-Windpark oder Biogasanlage – jeder Betreiber müsse sich am Netzausbau direkt beteiligen. Nur so entstünden ökonomisch rationale Entscheidungen. „Dann baue ich nur da, wo das Netz verfügbar ist oder wo sich unter Berücksichtigung der Netzkosten der Aufbau trotzdem lohnt.“ Unterstützung erhält Krebber von Energieökonomen. Lion Hirth von der Hertie School hält Heimspeicher für wenig sinnvoll. „Viele Menschen kaufen sich einen Heimspeicher, um die Energiewende voranzubringen – die KfW fördert das mit Steuergeld.“ Doch die Speicher entlasten das Netz kaum, sondern belasten es häufig zusätzlich.
Auch E.ON fordert Ende der Solarförderung
Nicht nur RWE, auch der größte deutsche Netzbetreiber E.ON fordert ein Ende der Solarförderung. Vorstandschef Leo Birnbaum erklärte jüngst: „Warum werden Kapazitäten gefördert, die wir nicht brauchen, und Technologien, die längst wirtschaftlich sind?“ Er kritisiert zudem die Befreiung von Speichern bei den Netzentgelten, da diese kaum entlasten und letztlich die Kosten für Kunden erhöhen.
Krebber unterstreicht diesen Punkt: „Wenn wir die Energiewende nicht zu den günstigst möglichen Kosten organisieren, dann verlieren wir die Akzeptanz.“ Ein überarbeitetes Anreizsystem erscheint ihm unverzichtbar. Schließlich beliefen sich die EEG-Zahlungen für Solarstrom 2023 auf knapp zehn Milliarden Euro, wie der Monitoring-Bericht 2024 der Bundesnetzagentur zeigt. Biomasse liegt mit gut 3,8 Milliarden Euro deutlich darunter, Windkraft auf See und an Land noch niedriger. Der geforderte Kurswechsel soll nach Krebbers Überzeugung dazu beitragen, die Energiewende effizienter zu gestalten.
Engpässe beim Netzausbau bremsen Photovoltaik-Boom
Während die Solarförderung Milliarden verschlingt, stockt vielerorts der Netzausbau. In Baden-Württemberg informierte FairNetz im Juli, dass vorerst keine neuen Photovoltaik-Anlagen mehr angeschlossen werden können. Ähnliche Einschränkungen gab es zuvor in Oranienburg in Brandenburg. Dort betraf es nicht nur Photovoltaik, sondern auch Wallboxen, Wärmepumpen und Industrieanlagen.
Trotz dieser Engpässe boomt die Photovoltaik. Binnen eines Jahrzehnts verdoppelte sich die installierte Leistung. Ende März 2025 verzeichnete das Statistische Bundesamt über 4,2 Millionen Anlagen mit fast 100 Gigawatt Nennleistung. Ein Jahr zuvor lag die Zahl noch bei 3,4 Millionen mit 81 Gigawatt. Der Anteil von Solar am Strommix erreicht inzwischen rund 14 Prozent. Doch ohne konsequenten Kurswechsel bei Förderung und Netzausbau bleibt die Zukunft dieser Entwicklung fragil.
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