In der Schweiz verschärft sich zum Start der parlamentarischen Debatte über die Blackout-Initiative der Streit um neue Atomkraftwerke. Auslöser ist eine Studie von Economiesuisse, die das Sicherheitsrisiko moderner Reaktoren der Generation 3+ als volkswirtschaftlich vernachlässigbar einstuft. Im Zentrum steht die Frage, ob ein neues AKW trotz möglicher Katastrophenschäden tragbar und versicherbar wäre. Zugleich prägen Tschernobyl und Fukushima weiterhin die politische Lage, weshalb das Thema hochsensibel bleibt. Die Analyse beziffert selbst bei Schadenssummen von bis zu 100 Milliarden Franken nur minimale Risikokosten für den Strompreis. Damit bekommt die Debatte über Versorgungssicherheit, Haftung und mögliche Folgen für Steuerzahler neuen Schub (nzz: 11.03.26).
Sicherheitsrisiko im Zentrum der AKW-Debatte
Die Untersuchung stammt von Hato Schmeiser, dem Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen. Economiesuisse legte sie zum Auftakt der Debatte vor, um die Versicherungsfrage bei möglichen Ersatzbauten zu klären. Die Studie rechnet durch, welche Prämien theoretisch anfallen würden, wenn man das Risiko schwerer Unfälle in Geldwerten erfasst. Dabei berücksichtigt sie Schadenssummen von bis zu 100 Milliarden Franken. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz veranschlagt bei einem schweren Reaktorunfall rund 60 bis 70 Milliarden Franken, allerdings nannten frühere Bundesstudien teils noch höhere Werte.

Das Ergebnis fällt aus Sicht der Befürworter eindeutig aus. Die risikogewichteten Kosten neuer Reaktoren liegen laut Studie zwischen 0,000009 und 0,00009 Rappen pro Kilowattstunde. Für den Strompreis ist das praktisch bedeutungslos. Economiesuisse argumentiert deshalb, dass das oft genannte Argument gegen neue AKW an Gewicht verliert. Wer behauptet, Kernkraft werde bei voller Einrechnung aller Risiken unbezahlbar, findet in dieser Analyse keine Bestätigung.
Moderne Technik senkt das Sicherheitsrisiko deutlich
Laut Studie liegt der Hauptgrund für die niedrigen Werte in der Technik neuer Anlagen. Moderne Reaktoren sollen eine rund hundertmal geringere Wahrscheinlichkeit für schwere Unfälle haben als ältere Schweizer AKW aus dem vergangenen Jahrhundert. Selbst im Vergleich zu bestehenden Anlagen, die über Jahrzehnte nachgerüstet wurden, fällt das Risiko demnach noch zehnmal niedriger aus. Das verändert die Bewertung grundlegend, weil nicht nur die Schadenshöhe zählt, sondern vor allem die Eintrittswahrscheinlichkeit.
Hinzu kommen neue Sicherheitskonzepte. Viele Schutzsysteme arbeiten passiv und können den Reaktorkern auch ohne externe Stromversorgung und ohne Eingriff von Personal kühlen. Gerade dieser Punkt ist entscheidend, weil in Fukushima der Ausfall solcher Sicherungen zur Eskalation beitrug. Ein Ersatz alter Anlagen durch neue Reaktoren würde nach dieser Logik nicht nur die Stromversorgung stützen, sondern zugleich das Sicherheitsrisiko im Vergleich zum heutigen Kraftwerkspark senken. Economiesuisse betont jedoch, dass daraus kein generelles Misstrauensvotum gegen die bestehenden Schweizer AKW abgeleitet werden dürfe.
Staat bliebe im Ernstfall dennoch in der Pflicht
Trotz der positiven Bewertung räumt die Studie eine klare Grenze ein. Schäden eines Großereignisses wie in Tschernobyl oder Fukushima ließen sich real nie vollständig über private Versicherungen decken. Betreiber haften zwar grundsätzlich unbegrenzt, jedoch endet diese Haftung faktisch dort, wo ihre Mittel und die Versicherungssumme erschöpft sind. Die obligatorische Haftpflichtdeckung der Schweizer Kernkraftwerke liegt bei lediglich 1,3 Milliarden Franken. Alles, was darüber hinausgeht, müssten deshalb Staat und Steuerzahler tragen.
Economiesuisse verweist allerdings auf andere Energieträger. Auch bei einem Bruch eines großen Staudamms in der Wasserkraft wären Extremschäden nicht vollständig abgesichert. Die Studie fordert deshalb gleiche Maßstäbe für alle Technologien. Unter dem Strich seien die jährlichen Risikokosten von Kernkraft und erneuerbaren Energien in beiden Fällen nahezu null. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Der Bund beziffert die möglichen Schäden einer Strommangellage auf rund 100 Milliarden Franken. Weil dieses Szenario wahrscheinlicher gilt als ein Super-GAU eines modernen Reaktors, könnte die Debatte über das Sicherheitsrisiko neuer AKW in der Schweiz weiter an Dynamik gewinnen.
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