Deutschlands kritische Infrastruktur gerät unter Druck, denn Stromausfall-Serien, ein möglicher Blackout und Drohnen-Spionage verdichten sich zu einem Risiko-Mix. Gleichzeitig fehlt vielerorts Redundanz zur Begrenzun einzelner Ausfälle. Ein Netzausfall reicht inzwischen und sämtliche Kommunikationsketten brechen zusammen (thepioneer: 10.01.26).
Berlin als Fallstudie für kritische Infrastruktur
In Berlin traf ein Angriff Anfang Januar einen sensiblen Punkt, obwohl Betreiber grundsätzlich auf stabile Netze setzen. Täter beschädigten eine Kabelbrücke über den Teltow-Kanal, und 45.400 Haushalte sowie 2.200 Firmen blieben teils bis zu viereinhalb Tage ohne Strom, Heizung, Mobilfunk und Internet. Der Vorfall zeigt, wie schnell kritische Infrastruktur in die Knie geht.

Schon am 9. September 2025 folgte der nächste Schock, denn in Berlin-Treptow brannten zwei 110-Kilovolt-Masten. In Hightech-Parks und bei Unternehmen wie Rohde & Schwarz oder dem DLR blieb es bis zu 60 Stunden dunkel. Damit rückt der Begriff Blackout näher, auch wenn es „nur“ regional blieb.
Offene Daten machen Stromausfall-Szenarien planbar
Viele neuralgische Punkte sind online sichtbar, obwohl solche Details früher als sensibel galten. Karten zeigen Transformatoren, Trassen und Verästelungen, sodass sich ein Lagebild per Mausklick bauen lässt. Dadurch wird ein Stromausfall planbarer, weil Angreifer Schwachstellen leichter priorisieren können.
Das deutsche Netz gilt zwar als zuverlässig, doch die Statistik schützt nicht vor gezielten Treffern. Pro Jahr fällt Strom im Schnitt nur 11,7 Minuten aus und genau deshalb unterschätzen viele das Risiko. Dennoch kippt die Lage, wenn mehrere Ereignisse dicht aufeinander folgen, oder ein wichtiger Knotenpunkt, wie in Berlin, ausfällt.
KI liefert Details, die Täter ausnutzen können
Jan Syré vom Verband Sichere Transport- und Verteilnetze testete gängige KI-Chatbots und die Antworten fielen präzise aus. Syré sagt: „Das stimmt alles“. Er warnt außerdem: „Sie müssen kein Fachwissen haben, Sie müssen nur KI kriminell anwenden. Dann kommen Sie auch dahin.“ Damit wird der Einstieg in die Logik eines Blackout-Angriffs deutlich einfacher.
Das Problem liegt nicht nur in der Technik, sondern auch in der Verfügbarkeit von Erklärungen. Begriffe, Netzlogik und Verwundbarkeiten erscheinen in Sekunden und die Hürde sinkt. Ein großflächiger Ausfall kann so schneller Realität werden, wenn Täter Motivation und Gelegenheit verbinden.
Redundanz entscheidet über Folgen und Dauer
Viele Bereiche haben mehr als eine Stromzufuhr. In Berlin liefen jedoch wichtige Verbindungen an der Kabelbrücke zusammen, weshalb der Schaden besonders große Folgen hatte.. Genau dort wirkt fehlende Redundanz besonders hart, weil Ausweichwege fehlen oder zu spät greifen. In Berlin liefen Leitungen an der Kabelbrücke zusammen, sodass ein einziger Treffer eine große Region isolierte.
Die Wiederherstellung dauerte Tage, und zunächst half nur eine provisorische Zwischenlösung. Notstromaggregate trafen teils erst am vierten Tag ein, weshalb die Versorgung lange wackelte. Eine Ausweichstruktur hätte den Schaden begrenzen können, doch sie fehlte.
Drohnen über Anlagen: Spionage wird zum Alltag
Die Lage verschärft sich, weil Drohnen immer häufiger über kritischen Standorten auftauchen. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens sagt: „Wir haben das inzwischen praktisch jeden Tag im polizeilichen Lagebericht“. Im Oktober 2025 registrierte Niedersachsen so viele Drohnensichtungen wie im gesamten Vorjahr 2024, und die Orte sind auffällig: häufig Gelände mit kritischer Infrastruktur.
Auch das BSI beschreibt eine Zielverschiebung, denn Präsidentin Claudia Plattner sagt: „Wenn ihr als Wirtschaftsvertreter früher das Hauptziel wart, dann dürft ihr diesen Platz eins inzwischen mit der Politik teilen.“ Sicherheitsanbieter melden zudem Hunderte Spionageflüge und Abwehrtechnik kostet oft hohe sechsstellige Beträge. Unbemannte Fluggeräte unter 1.000 Euro können damit teure Anlagen ausspähen.
Maßnahmenmix: Schutz, Prioritäten, Inselbetrieb
Holger Berens vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen betont, dass die Folgen unabhängig vom Täter identisch bleiben und er sagt: „Die Auswirkungen sind identisch.“ Er fordert klare Prioritäten und ergänzt: „Dafür sollte man das Sondervermögen nutzen.“ Kameras, Zäune, Zugangskontrollen und Schutz an Knotenpunkten wirken schnell, während reine Dokumentation wenig ändert.
Kai Strunz von der TU Berlin warnt vor koordinierten Angriffen, denn er sagt: „Bei einem zeitlich und räumlich koordinierten Angriff auf mehrere Punkte im Netz – etwa mittels bewaffneter Drohnen – sind größere Auswirkungen beziehungsweise überregionale Ausfälle möglich.“ Deshalb gewinnt Dezentralisierung an Wert, und Microgrids können sich im Notfall abkoppeln. Mehr Redundanz im Netz und lokale Reserven senken das Risiko eines Stromausfall-Dominoeffekts.
Katastrophenschutz und Gesetzgebung bleiben hinter der Bedrohung
Im Ernstfall zählt Personal, doch die Strukturen bleiben lückenhaft. Ex-General Martin Schelleis, heute bei den Maltesern, sagt: „Wir reden von 1,4 Millionen Feuerwehrleuten und 1,7 Millionen Ehrenamtlichen im Bevölkerungsschutz. Das klingt sehr viel, aber diese pauschalen Zahlen sagen uns nichts darüber, wie viele tatsächlich einsatzfähig wären.“ Er fordert deshalb: „Wir bräuchten eine Art Freiwilligen-Register, aus dem hervorgeht, wer wo ehrenamtlich verfügbar wäre im Krisenfall. Das haben wir bisher nicht.“
Auch die politische Umsetzung wirkt zäh, obwohl die Bedrohungslage längst sichtbar ist. Manuel Atug von der AG Kritis kritisiert am geplanten Kritis-Dachgesetz vor allem die Wirkung und er sagt: „Es wird viel Bürokratie und Dokumentation geben, aber durch Dokumente werden kritische Infrastrukturen nicht resilienter.“ Wer kritische Infrastruktur schützen will, braucht messbare Resilienz, und dafür muss Redundanz zur Pflicht werden, nicht zur Option.
Lesen Sie auch:
- Mutmaßlich russische Drohnen über kritischer deutscher Infrastruktur zur Energieversorgung
- Vulkangruppe kündigt weiteren Angriff auf Berlins Stromnetz an
- Stromausfall in Berlin: Krisenmanagement versagt – Wegner stundenlang verschwunden
- Stromausfall in Berlin: 45.000 Haushalte ohne Strom – Polizei ermittelt wegen Brandstiftung
