Späte Einsicht – von der Leyen bezeichnet Kernenergie-Aus als „strategischen Fehler“

Beim Weltgipfel zur Kernenergie nahe Paris hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine europäische Weichenstellung offen als Fehler bezeichnet. Auf der Konferenz unweit der französischen Hauptstadt sagte sie, es sei ein „strategischer Fehler“ gewesen, eine verlässliche und bezahlbare Quelle für emissionsarmen Strom aufzugeben, während Europa zugleich um Versorgungssicherheit, Investitionen und stabile Energiepreise ringt. Im Mittelpunkt steht damit auch der deutsche Atomausstieg, den Berlin über Jahre politisch vorangetrieben hat. Der zentrale Risikofaktor liegt in der stärkeren Abhängigkeit von fossilen Energien, Importen und wetterabhängiger Stromerzeugung. Die Folgen zeigen sich jedoch längst in hohen Stromkosten, milliardenschweren Hilfen, wachsendem Netzdruck und neuen Belastungen für Industrie und Verbraucher (ntv: 10.03.26).


Ein politischer Fehler mit teuren Folgen

Brisant ist die Aussage auch deshalb, weil von der Leyen den früheren Kurs selbst mitgetragen hat. 2011 gehörte sie dem Kabinett von Angela Merkel an, das nach Fukushima den deutschen Atomausstieg beschloss. 2022 setzte die Ampel-Regierung den letzten Schritt um, während Wirtschaftsminister Robert Habeck die letzten Kernkraftwerke abschalten ließ. Heute prägt deshalb nicht mehr das politische Symbol den Streit, sondern der wirtschaftliche Schaden dieser Entscheidung.

Von der Leyen nennt Atomausstieg strategischen Fehler - Deutschland zahlt dafür mit hohen Stromkosten und unsicherer Versorgungssicherheit
Von der Leyen nennt Atomausstieg strategischen Fehler – Deutschland zahlt dafür mit hohen Stromkosten und unsicherer Versorgungssicherheit

Die Zahlen zeigen die Tragweite deutlich. 1990 stammte noch rund ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie, heute sind es nur noch knapp 15 Prozent. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Ersatz durch Gas, Reservekraftwerke und Stromimporte. Das belastet die Versorgung, während die stark schwankende Einspeisung aus Wind und Sonne die Steuerung des Systems zusätzlich erschwert. Gerade für ein Industrieland wie Deutschland wurde dieser Kurs deshalb zu einem strukturellen Risiko.


Der nächste Fehler wäre das Verdrängen der Realität

Wie tief der Konflikt reicht, zeigte sich 2022 beim Streit um die EU-Taxonomie. Deutschland drängte damals darauf, Kernkraft als nicht nachhaltig einzustufen, wodurch private Investitionen in diesem Bereich weitgehend blockiert worden wären. Frankreich stemmte sich dagegen und setzte durch, dass bestimmte Atomenergie-Aktivitäten unter Auflagen weiter als nachhaltig gelten können. Zugleich drohte Paris, andernfalls auch Erdgas aus dem Nachhaltigkeitsrahmen zu drängen, weil Deutschland Gas als Ersatztechnologie dringend brauchte.

Kanzler Friedrich Merz bedauerte den Ausstieg zwar, schloss eine Rückkehr aber praktisch aus. „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so“, sagte er. Statt einer Korrektur setzt die Bundesregierung auf Netzausbau und ein größeres Energieangebot. Das kann einzelne Probleme lindern, beseitigt jedoch nicht den grundlegenden Fehler der vergangenen Jahre. Aus der SPD kam außerdem scharfer Widerstand gegen jede Kursänderung, obwohl Milliarden in die Stabilisierung des Systems fließen. Andere Länder handeln längst anders: China baut Dutzende Reaktoren, Indien treibt neue Projekte voran und Frankreich hält an seiner kernkraftgestützten Energieversorgung fest. Deutschland setzt dagegen auf Kernfusion in ferner Zukunft, obwohl erste Demonstrationsanlagen frühestens zwischen 2035 und 2045 erwartet werden.

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