Mit dem Konzept eines „Solarbonus“ wollen die Grünen in der Sommerzeit 600 Stunden kostenlosen Strom für alle Haushalte ermöglichen. Damit soll auf die zunehmende Stromüberproduktion durch Solaranlagen reagiert werden, die aktuell mangels Speicher oder Netzkapazitäten oft ungenutzt bleibt. Gleichzeitig versprechen sich die Initiatoren eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende. Doch hinter dem Vorschlag verbergen sich zahlreiche ungelöste Probleme – vor allem bei der Finanzierung, Abrechnung und technischen Umsetzung. Der Solarbonus klingt attraktiv, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als reine Symbolpolitik (tagesspiegel: 16.11.25).
Solarbonus als Reaktion auf ineffiziente Netzstrukturen
In den Mittagsstunden sonniger Tage entsteht ein Stromüberschuss, der derzeit nur teilweise genutzt werden kann. Wind- und Solaranlagen produzieren zwar zuverlässig, doch viele Netzbetreiber drosseln die Einspeisung. Die Konsequenz: Erzeuger erhalten Entschädigungen, obwohl kein Strom fließt. Der Solarbonus soll diesen Zustand beheben, indem Verbraucher Strom gratis erhalten – idealerweise genau dann, wenn die Photovoltaiksysteme auf Hochtouren laufen. Dadurch soll sich der Verbrauch besser an die Erzeugung anpassen. Die Netzentgelte sollen zu diesem Zweck zeitweise entfallen.

Doch gerade hier beginnt das Problem: Bisher ist völlig unklar, wie sich der Gratis-Strom technisch abgrenzen und korrekt abrechnen lässt. Millionen Haushalte nutzen keine Smart Meter, die flexible Tarife oder Zeitfenster exakt erfassen könnten. Ohne diese Infrastruktur bleibt die Umsetzung des Solarbonus nicht nur ineffizient, sondern auch fehleranfällig.
Gratis-Strom auf Staatskosten – doch wer profitiert wirklich?
Simon Müller, Urheber des Konzepts, schätzt die Kosten für den Solarbonus auf rund zwei Milliarden Euro für etwa 400 Stunden kostenfreie Energie. Diese Summe soll aus dem Staatshaushalt gedeckt werden – ein Anspruch, der angesichts knapper öffentlicher Mittel kaum realistisch wirkt. Netzbetreiber und Stromanbieter stünden vor Einnahmeverlusten, müssten aber gleichzeitig Netze instand halten und Strom liefern. Das Risiko verlagert sich damit auf Steuerzahler und Endverbraucher, ohne dass eine nachhaltige Lösung für das überlastete Stromnetz entsteht.
Zudem erreicht der Solarbonus nur begrenzt die breite Bevölkerung. Haushalte ohne Smart Meter oder steuerbare Großverbraucher wie Wärmepumpen können ihren Verbrauch nicht flexibel steuern. Besonders problematisch: Auch viele Mieter, die keinen Zugang zu eigenen Solaranlagen haben, profitieren kaum. Es entsteht eine Spaltung zwischen technisch ausgestatteten Nutzern und der restlichen Bevölkerung.
Booster-Tarif als Ergänzung – mit begrenztem Effekt
Ergänzend schlägt Müller einen Booster-Tarif für Besitzer von Photovoltaiksystemen mit Batteriespeicher vor. Ziel ist es, abends gespeicherten Strom ins Netz einzuspeisen und dadurch den Bedarf in teuren Spitzenzeiten zu senken. Die Vorstellung: mehr Angebot, sinkende Preise. Doch nur ein kleiner Teil der Haushalte verfügt über geeignete Speichertechnologien. Für den Großteil der Bevölkerung bleibt dieser Ansatz wirkungslos.
Auch technisch ergeben sich neue Herausforderungen: Der Booster-Tarif benötigt eine präzise Abstimmung mit dem Stromnetz, um Lastspitzen nicht zu verschärfen. Die Idee wirkt ambitioniert, doch ohne massive Investitionen in Speicher und Netzmodernisierung entfaltet sie kaum Wirkung.
Energiewende braucht Strukturreformen, keine Werbeversprechen
Vize-Parteichef Sven Giegold verteidigt das Konzept und kritisiert, dass „im Moment im Sommer dafür gezahlt wird, dass die Erneuerbaren nicht laufen“. Der Solarbonus soll diesen Widerspruch auflösen. Doch anstatt das Stromsystem grundlegend zu reformieren, verlagert der Vorschlag bestehende Probleme nur – insbesondere bei Netzkapazitäten, Tarifstrukturen und technischer Infrastruktur. Die Stromwende braucht transparente Marktmechanismen, intelligente Netze und flexible Tarife – keine kurzfristigen Vergünstigungen ohne solide Grundlage.
Letztlich bleibt der Solarbonus ein politisches Signal ohne praxistauglichen Unterbau. Wichtige Fragen zur Abrechnung, zur sozialen Gerechtigkeit und zur Stabilität der Versorgung bleiben unbeantwortet. Wer die Stromwende ernst meint, muss die Ursachen der Ineffizienz bekämpfen. Der Solarbonus entpuppt sich bei näherer Betrachtung als populäres Wahlkampfgetöse für ein laienhaftes Publikum – technisch unhaltbar, wirtschaftlich riskant und politisch wenig durchdacht.
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