Schweizer Kanton Aargau öffnet die Tür für neue AKW – Parlament setzt auf CO₂-armen Strom

Der Kanton Aargau will neue Atomkraftwerke künftig zulassen, nachdem der Grosse Rat die Energiestrategie neu ausgerichtet hat. Der Entscheid fiel im Aargau nur zwei Wochen nach dem Vorstoss des Ständerats zugunsten neuer Atomkraftwerke und markiert deshalb eine klare energiepolitische Wende. Auslöser war der Druck der bürgerlichen Parlamentsmehrheit auf die Regierung, die ursprünglich vor allem Windkraft, Wasserkraft und Photovoltaik stärken wollte. Neu steht jedoch eine „CO₂-arme“ und „technologieoffene“ Stromproduktion im Zentrum, was auch den Bau eines neuen AKW einschließt. Das ist brisant, weil mit Atomkraftwerken Beznau 1, Beznau 2 und Leibstadt bereits drei der vier aktiven Schweizer Kernkraftwerke im Kanton stehen und Beznau 1 sowie 2 voraussichtlich um 2032 abgeschaltet werden. Für den Kanton und die Schweiz geht es daher um Ersatzkapazitäten, Versorgungssicherheit und hohe Kosten, während Neubauverbot, Finanzierung und Realisierungszeit weiter offen bleiben (srf: 25.03.26).


Aargau rückt von rein Ausbau der Erneuerbaren ab

Die Regierung hatte zunächst einen anderen Kurs geplant. Sie wollte die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen bis 2036 von 3,7 auf mindestens 6 Terawattstunden steigern. Dazu sollten vor allem Wind, Wasser und Photovoltaik beitragen. Dammit setzte die Strategie klar auf den reinen Ausbau der Erneuerbaren.

Schweizer Kanton Aargau stellt die Energiestrategie um - neue AKW werden wieder denkbar, während Beznau 1 und 2 vor dem Aus stehen
Schweizer Kanton Aargau stellt die Energiestrategie um – neue AKW werden wieder denkbar, während Beznau 1 und 2 vor dem Aus stehen

Das Parlament griff jedoch ein und verschob den Schwerpunkt. Die zuständige Kommission verlangte, dass Aargau auch künftig mehr Strom erzeugt, als der Kanton selbst verbraucht. Der Kanton soll also nicht nur die eigene Nachfrage decken, sondern zugleich Strom für die ganze Schweiz liefern. Deshalb schrieb die bürgerliche Mehrheit das Ziel einer „technologieoffenen Produktion“ in die Energiestrategie und ebnete so den Weg für neue Atomkraftwerke.

Mehrheit im Parlament drückt neuen Kurs durch

Mit dieser Änderung änderte sich auch der Zielwert der Strategie. Statt nur den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen, soll der Kanton nun bis 2035 pro Jahr gut doppelt so viel Strom aus „CO₂-armen“ Quellen produzieren. Dieser Begriff ist politisch entscheidend, weil er nicht nur Wasser- oder Solarkraft umfasst, sondern auch neue Atomkraftwerke möglich macht.

Der Hintergrund liegt auf der Hand, denn der Kanton produziert bereits heute rund 15 Terawattstunden Strom pro Jahr, vor allem mit Atomkraft. Wenn die Atomkraftwerke Beznau 1 und 2 um 2032 vom Netz gehen, entsteht eine erhebliche Lücke. Genau deshalb sehen viele in der neuen Strategie die Vorbereitung auf ein weiteres AKW. Zugleich hielten mehrere bürgerliche Politiker eine Stromzukunft allein mit Solar- und Windkraft für zu unsicher.


Offene Fragen bei Verbot, Bauzeit und Milliardenkosten

Im Grossen Rat setzte sich die bürgerliche Mehrheit klar durch. SVP, FDP und Mitte stimmten für das Ziel der CO₂-armen Stromproduktion, während Links-Grün dagegen war. Der Entscheid fiel mit 89 zu 44 Stimmen, und damit zeigte sich die Machtverteilung im Parlament erneut deutlich.

Die Debatte verlief hart, jedoch mit klaren Botschaften. Pascal Furrer von der SVP sagte: „Wir brauchen Kernenergie. Natürlich entscheidet das Volk noch, aber der Aargau ist parat.“ Andere warnten vor Illusionen und erklärten: „Wer glaubt, dass wir einen AKW-Express zünden können, betreibt Realitätsverweigerung.“ Energiedirektor Stephan Attiger sagte zudem: „Die Technologien werden in Bundesbern entschieden. Es kann in Richtung neue Kernenergie gehen, es kann auch übergangsweise in Richtung Gas gehen.“

Trotz des politischen Signals bleibt der Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz derzeit verboten. Die sogenannte Blackout-Initiative und ein Gegenvorschlag des Bundesrates wollen dieses Verbot jedoch aufheben. Selbst dann würde ein neues Kraftwerk nicht rasch entstehen, denn Axpo rechnet damit, dass vor 2050 kein neues KKW in Betrieb wäre. Außerdem schätzt das Unternehmen die Baukosten auf 7 bis 10 Milliarden Franken, während die Finanzierung offen bleibt. Ein Bericht der Energiekommission der Akademie der Wissenschaften kam 2025 zudem zum Schluss, dass ein Neubau wohl kaum ohne Geld der öffentlichen Hand möglich wäre.

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