Schweden kehrt in der Klimapolitik um – vom Vorreiter zurück zur Ökonomie

Schweden tritt beim Klimaschutz auf die Bremse, obwohl das Land lange als Vorreiter der grünen Transformation galt. Der Ausbau grüner Energie und die politische Schlagzahl lagen zeitweise deutlich vor Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern. Nun dominiert jedoch ökonomisches Denken und die Regierung setzt andere Prioritäten. Mehrere Förderprogramme wurden gekürzt oder gleich ganz gestrichen. Der Fokus der Energiepolitik liegt wieder stärker auf Atomkraft als Stabilitätsanker (bloomberg: 14.01.26).


Politischer Kurswechsel trifft Klimapolitik und Alltag

Vor sechs Jahren drängten Greta Thunberg und „Fridays for Future“ Abgeordnete mit Lautsprechern und Pfeifen zum Handeln. Heute stehen dort mitunter nur noch zwei Menschen mit einem Pappschild, während die Passanten vorbeigehen. Und diese Leere passt zum veränderten politischen Klima.

Schweden war lange Europas Vorreiter beim Klimaschutz. Jetzt kürzt die Regierung Subventionen und bremst grüne Industrieprojekte
Schweden war lange Europas Vorreiter beim Klimaschutz. Jetzt kürzt die Regierung Subventionen und bremst grüne Industrieprojekte

Seit 2022 regiert Ministerpräsident Ulf Kristersson mit einer Koalition, die von den Schwedendemokraten gestützt wird. Die Regierung strich das Umweltministerium, kürzte E-Auto-Förderungen und senkte die Dieselsteuer, um ländliche Wähler zu entlasten. Zudem fror sie ein System staatlicher Kreditgarantien ein, das große Industrieprojekte im Bereich der grünen Transformation absichern sollte.

Investoren werden vorsichtig, weil verlässliche Signale fehlen

Schwedens Kehrtwende wirkt besonders hart, weil das Land beste Voraussetzungen besitzt. Es verfügt über viel nahezu emissionsfreien Strom aus Wasserkraft, Kernenergie und Wind und er ist im internationalen Vergleich günstig. Trotzdem bröckelt das Vertrauen, weil politische Leitplanken fehlen und mittlerweile eine ökonomische Haushaltslogik dominiert.

Der Wissenschaftler Johan Rockström beschreibt den Reputationsverlust so: „Wir waren eine der ersten Volkswirtschaften weltweit, die gezeigt hat, dass wir Wirtschaftswachstum von Emissionen entkoppeln können. Jetzt verlieren wir den Ruf, ein Land zu sein, das andere respektieren.“ Damit verschiebt sich auch der Blick der Kapitalmärkte, denn Investitionen brauchen Planbarkeit. Ohne klare finanzielle Zusagen werden selbst technisch machbare Projekte zur Risikoentscheidung.

Pleiten und Finanzlücken setzen das grüne Industrienarrativ unter Druck

Am sichtbarsten ist der Absturz von Northvolt, einst Europas Hoffnung für Batterieproduktion. Kostensteigerungen und Verzögerungen führten zur Insolvenz, während die Regierung eine Rettung ablehnte. Dadurch entstand ein deutliches Signal: Der Staat trägt Risiken nur begrenzt mit, selbst bei strategisch wichtigen Vorhaben.

Auch Stegra, das hinter dem geplanten grünen Stahlwerk steht, ringt um frisches Kapital, während Stockholm auf Distanz geht. Finanzministerin Elisabeth Svantesson formuliert es klar: „Am Ende müssen Unternehmen auf eigenen Beinen stehen. Der Staat sollte nicht immer entscheiden, welche Unternehmen unterstützt werden.“ Stegra erhielt zuletzt 390 Millionen Kronen, also nur rund ein Viertel der beantragten Summe, und der Start der Produktion verschiebt sich auf 2027.

Regionen im Norden zahlen den Preis der Verzögerungen

Die Folgen treffen besonders den Norden, weil die Projekte dort Jobs und Wachstum bringen sollten. In Skellefteå stehen Wohnblöcke leer, die für Northvolt-Mitarbeiter gebaut wurden, während lokale Betriebe Personal abbauen. Zwar kaufte der US-Batteriehersteller Lyten das Gelände, doch ein Neustart blieb bisher aus.

Lyten-Manager Keith Norman warnt vor Standortnachteilen: Der Aufbau grüner Industrie sei kapitalintensiv und habe „starke Konkurrenz von Orten wie China“. „Konsequente staatliche Unterstützung, um diese Industrien in Gang zu bringen, bleibt entscheidend“, sagt er. Und genau diese Konstanz vermissen viele Entscheider, obwohl Milliardeninvestitionen grundsätzlich möglich wären.


Wahlkampf, Zielverfehlung und ein kleiner Protest auf dem Platz

In Boden, dem Standort des geplanten Stegra-Stahlwerks, hat die Kommune bereits stark vorfinanziert. Die Stadt mit rund 28.000 Einwohnern sitzt auf 1,56 Milliarden Kronen Schulden, nachdem Infrastruktur und Dienstleistungen ausgebaut wurden. Dadurch steigt der Druck, weil Zeitpläne rutschen, während Zinslasten real bleiben.

Parallel entfernen sich Schwedens Klimaziele und auch internationale Beobachter erwarten verfehlte 2030-Vorgaben. Gleichzeitig rückt die nächste Parlamentswahl näher und die Opposition kündigt mehr Garantien, mehr Zuschüsse und eine staatliche grüne Investitionsbank an. Der Grünen-Politiker Daniel Helldén sagt dazu: „Damit zentrale Projekte der grünen Transformation vorankommen, braucht man eine positive und langfristige Vision des Staates.“

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