Regierung kippt Heizungsgesetz und stoppt den Elektro-Zwang im Wärmesektor

In Deutschland leitet die schwarz-rote Koalition einen tiefen Kurswechsel in der Energiepolitik ein. Anlass sind die geplante Streichung zentraler Vorgaben des bisherigen Heizungsgesetzes, die Umbenennung in Gebäudemodernisierungsgesetz und weitere Änderungen im Energierecht. Im Mittelpunkt steht der Wärmesektor, zugleich aber die größere Frage, ob Strom künftig gleichzeitig Heizen, Verkehr und Teile der Industrie tragen kann. Genau hier liegt der entscheidende Risikofaktor, denn das Stromangebot wächst langsamer als die Nachfrage durch Wärmepumpen, E-Autos, Ladeinfrastruktur und neue elektrische Anwendungen. Die unmittelbaren Folgen sind erheblich: Öl- und Gasheizungen bleiben vorerst erlaubt, auch im Neubau, Eigentümer erhalten mehr Wahlfreiheit zurück, während Umweltgruppen und Sozialverbände scharf protestieren und vor neuen Kosten warnen.


Stromlücke im Wärmesektor wird zum politischen Problem

Der Kern des Kurswechsels beim Heizungsgesetz liegt nicht nur im Streit über einzelne Heizungen. Die bisherige Energiewende setzte stark auf Elektrifizierung, also auf die Verlagerung von Wärme, Verkehr und weiteren Anwendungen auf Strom. Dieses Modell gerät jedoch zunehmend unter Druck, weil der zusätzliche Bedarf in mehreren Bereichen gleichzeitig wächst. Wenn Millionen Haushalte Wärmepumpen nutzen sollen, steigt der Verbrauch im Winter massiv an. Wenn zugleich mehr E-Autos laden, kommunale Flotten elektrifiziert werden und Betriebe Prozesse umstellen, erhöht sich die Last im Netz weiter.

Im Wärmesektor kippt die Regierung den Strom-Zwang. Gas und Öl bleiben erlaubt, auch weil Angebot und Nachfrage beim Strom auseinanderlaufen
Im Wärmesektor kippt die Regierung den Strom-Zwang. Gas und Öl bleiben erlaubt, auch weil Angebot und Nachfrage beim Strom auseinanderlaufen

Gerade diese Gleichzeitigkeit verschärft das Problem. Im Wärmesektor fällt der höchste Bedarf ausgerechnet in jene Zeiten, in denen die Versorgung besonders angespannt sein kann. Kalte Wintertage treiben den Verbrauch nach oben, während Industrie, Verkehr und Haushalte parallel Strom ziehen. Wind- und Solaranlagen liefern dann nicht immer ausreichend, außerdem helfen Jahresdurchschnittswerte in solchen Stunden wenig. Entscheidend bleibt die Lastspitze, weil dort sichtbar wird, ob genug Strom wirklich vorhanden ist. Deshalb zweifeln immer mehr Fachleute daran, dass eine fast vollständige Umstellung von Wärme und Verkehr auf Strom ohne Engpässe und Preisschübe funktioniert.

Regierung setzt wieder auf Gas, Biomethan und Wasserstoff

Die politische Reaktion fällt deshalb deutlich aus. Die Paragrafen 71 bis 71p sowie 72 des Gebäudeenergiegesetzes sollen ersatzlos entfallen. Damit endet der gesetzliche Druck auf Eigentümer, später zwingend auf Wärmepumpe, Fernwärme oder Holz umzusteigen. Jens Spahn formulierte den Bruch offen: „Der Heizungskeller wird wieder zur Privatsache.“ Zugleich kündigte er an: „Wir schaffen das Habecksche Heizungsgesetz ab.“ Für viele Hausbesitzer bedeutet das mehr Spielraum, während Kritiker darin einen Rückschlag beim Klimaschutz sehen.

Hinter dieser Entscheidung steht jedoch mehr als Parteipolitik. Die Regierung rückt von der Vorstellung ab, dass Strom allein der Königsweg für die gesamte Energiewende bleibt. Künftig sollen neben Wärmepumpen auch klimaneutrale Brennstoffe stärker eingebunden werden. Dazu zählen Biomethan sowie „grüner, blauer, orangener und türkiser Wasserstoff“, sofern dabei keine Treibhausgase entstehen. Dieser Ansatz soll Netze und Kraftwerke entlasten, weil nicht jede zusätzliche Anwendung direkt am Stromnetz hängen muss. Bestehende Gasinfrastruktur könnte deshalb weiter genutzt werden, während sich die Last auf mehrere Energieträger verteilt.


Mehr Freiheit für Eigentümer, aber neue Risiken bleiben

Die neue Linie schafft für Eigentümer vor allem mehr Wahlfreiheit. Öl- und Gasheizungen sollen erlaubt bleiben, auch in Neubauten, während der Staat den Einbau von Wärmepumpen weiter fördern will. Ab 2028 ist für Gasversorger eine Grüngasquote von zunächst einem Prozent geplant. Dadurch bleiben bestehende Systeme nutzbar, zugleich soll der Anteil klimaneutraler Gase schrittweise steigen. In der SPD stößt dieser breitere Ansatz offenbar ebenfalls auf Zustimmung. Esra Limbacher spricht von einer „echte[n] Chance, die gesellschaftlichen Gräben, die entstanden sind, wieder zuzuschütten“.

Offen bleibt trotzdem, wie teuer dieser Weg wird. Grüngas, Biomethan und Wasserstoff stehen nicht unbegrenzt bereit, deshalb können neue Engpässe entstehen. Wenn Haushalte und Industrie um dieselben Mengen konkurrieren, steigt der Preisdruck. Dennoch zeigt der Kurswechsel vor allem eines: Die Regierung reagiert auf die wachsende Differenz zwischen Stromangebot und Stromnachfrage. Je stärker Wärme, Verkehr und Wirtschaft elektrifiziert werden, desto größer wird diese Lücke. Genau deshalb verabschiedet sich Berlin schrittweise von der Idee, dass Strom allein den Umbau der Energieversorgung tragen kann. (KOB)

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