Regelmäßige Frequenzeinbrüche um 22 Uhr: Windrad-Drosselung als wahrscheinliche Ursache

Im kontinentaleuropäischen Stromnetz kommt es an windstarken Tagen regelmäßig kurz nach 22 Uhr zu deutlichen Frequenzeinbrüchen. Als wahrscheinliche Ursache gilt die zeitgleiche Drosselung zahlreicher Windkraftanlagen in Deutschland, die wegen nächtlicher Lärmschutzauflagen ab diesem Zeitpunkt nur noch eingeschränkt laufen dürfen. Am 24. März 2026 fiel die Netzfrequenz binnen 62 Sekunden um 0,193 Hertz, was rechnerisch einem Verlust von 3,2 Gigawatt Erzeugungsleistung entsprach. Da die verfügbare Primärregelleistung in Europa aktuell bei 3,45 Gigawatt liegt, blieb in dieser Phase nur wenig Reserve. Eine unmittelbare Gefährdung der Netzstabilität sehen Fachleute derzeit nicht, jedoch wird das System in solchen Momenten deutlich anfälliger für zusätzliche Störungen (taz: 29.03.26).


Ein wiederkehrendes Muster lenkt den Blick auf die Nachtabschaltung

Auffällig ist vor allem die zeitliche Regelmäßigkeit des Phänomens. Die Abweichungen treten nicht irgendwann auf, sondern ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem für viele Anlagen strengere Vorgaben nach der TA Lärm greifen. Dadurch verdichtet sich der Verdacht, dass die nächtliche Reduktion der Windleistung eine zentrale Rolle spielt. Zugleich bleibt wichtig, dass der Zusammenhang im Artikel nicht als abschließend bewiesen, sondern als plausible Erklärung beschrieben wird.

Regelmäßige Frequenzeinbrüche um 22 Uhr deuten auf Lärmschutz-Auflagen als Auslöser nächtlicher Windrad-Drosselungen hin
Regelmäßige Frequenzeinbrüche um 22 Uhr deuten auf Lärmschutz-Auflagen als Auslöser nächtlicher Windrad-Drosselungen hin

Die Größenordnung macht den Vorgang energiewirtschaftlich relevant. Bei idealem Betrieb liegt die Frequenz im Netz bei 50 Hertz. Sinkt sie unter 49,8 Hertz, gerät die Stabilität in einen kritischen Bereich. Die beobachteten Einbrüche bleiben bislang oberhalb dieser Marke, dennoch zeigen sie, wie stark ein synchroner Leistungsrückgang das Verbundnetz innerhalb kurzer Zeit belasten kann.

Netzbetreiber sehen keinen Zufall, sondern ein systematisches Ereignis

Übertragungsnetzbetreiber und weitere Stromnetzexperten haben das Muster inzwischen öffentlich benannt. Ulf Kasper von Amprion spricht von einer „deterministischen Frequenzabweichung“. Damit beschreibt er ein Ereignis, das nicht zufällig entsteht, sondern nach einem erkennbaren Schema auftritt. Gerade diese Einordnung hebt den Vorgang von gewöhnlichen Schwankungen im Netzbetrieb ab.

Zwar gibt es an vollen Stunden im europäischen Stromnetz häufiger Frequenzsprünge, weil an den Grenzen der Abrechnungsintervalle viele Schaltvorgänge stattfinden. Für den Fall um 22 Uhr kommt jedoch ein weiterer Faktor hinzu. Laut Amprion sind die Einbrüche „besonders markant“ bei starkem Wind, weshalb die Windkraft als Auslöser nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich ins Zentrum rückt. Allerdings kennt die Branche nach eigener Aussage keine genauen Zahlen zum Umfang der betroffenen Anlagen, deshalb bleibt die Erklärung belastbar, aber nicht lückenlos quantifiziert.


Kritisch wird die Lage erst bei einem zweiten Störfall

Für sich genommen löst der 22-Uhr-Einbruch noch keinen Blackout aus. Genau darauf verweisen die Netzbetreiber mit der Aussage, es bestehe aktuell „keine unmittelbare Gefährdung der Netzstabilität“. Das Problem liegt an einer anderen Stelle: Wenn in derselben Minute zusätzlich ein großes Kraftwerk oder eine wichtige Leitung ausfällt, schrumpft der Spielraum für Gegenmaßnahmen spürbar. Consentec-Geschäftsführer Christoph Maurer bringt es deshalb präzise auf den Punkt: „Das ist an sich nicht problematisch, aber in einem solchen Moment ist das System geschwächt.“

Die naheliegende Lösung ist technisch überschaubar. Würden die betroffenen Anlagen nicht gleichzeitig, sondern über etwa 15 Minuten verteilt heruntergeregelt, könnte das europäische Stromsystem den Leistungsrückgang deutlich besser abfedern. Auch die Bundesnetzagentur erwägt deshalb nach eigenen Angaben „verbindliche, harmonisierte Rampenvorgaben“. Gemeint sind klare Regeln für die Geschwindigkeit der Abregelung. Das eigentliche Risiko liegt also nicht im Windstrom selbst, sondern in einer Regelarchitektur, die viele Anlagen zur exakt selben Zeit in dieselbe Richtung zwingt.

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