In der Hafenstadt Sines an Portugals Atlantikküste sollten große Mengen grüner Wasserstoff mit billigem Solarstrom entstehen und nach Europa gehen, doch die Exportpläne sind faktisch eingefroren. Vor rund fünf Jahren versprach der damalige Ministerpräsident António Costa eine „grüne Wasserstoff-Zukunft“ für den Standort, während internationale Konsortien Transporte per Schiff und Pipeline vorbereiten sollten. Unter dem Projektnamen „Grüner Flamingo“ standen 3,5 Milliarden Euro, etwa 5000 Arbeitsplätze und ein europäisches Export-Setting im Raum. 2024 stürzte die damalige Regierung wegen Korruptionsverdachts auch im Zusammenhang mit dem Wasserstoff-Projekt, deshalb kippte Vertrauen in Zeitplan und Größenordnung. Heute zeigen sich die Folgen in harten Fakten: weniger Investitionen, geringere Kapazitäten und weiterhin keine industrielle Produktion (dw: 27.02.26).
Exportpläne schrumpfen zur Restkulisse
Die Kürzungen treffen zuerst die Dimension, denn ein Konsortium reduzierte die geplante Leistung von 90 auf zehn Megawatt. Das entspricht nur noch rund 1000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr, sodass ein Exportgeschäft in der Breite ausbleibt. Zugleich sank das Investitionsvolumen in diesem Strang von 162 Millionen auf 42 Millionen Euro, außerdem verloren Teilprojekte ihre wirtschaftliche Grundlage. Mehrere Partner sprangen ab oder stoppten Vorhaben und damit zerfiel die einst geplante vernetzte Gesamtarchitektur. Übrig bleibt ein Standort, der weiter plant, jedoch nicht mehr als europäischer Liefermotor.

Noch gravierender ist der Zeitverlust, denn mehrere Anlagen hätten längst liefern sollen. Stattdessen laufen derzeit vor allem Forschungs- und Testeinrichtungen, während eine industrielle Wasserstoffproduktion weiter aussteht. „Bis jetzt wird noch kein Wasserstoff in industrieller Größenordnung produziert“, sagt Diogo Santos vom Instituto Superior Técnico in Lissabon. „Es dürfte auch noch zehn Jahre dauern, bis es soweit ist“, ergänzt er, und sagt: „Wir erleben gerade erst die Anfänge.“
Kurswechsel in Lissabon – nur noch Binnenbedarf statt Export
Die aktuelle rechtsliberale Regierung unter Ministerpräsident Luís Montenegro setzt auf heimische Abnehmer, deshalb verschwand der Export als unmittelbares Ziel. „Die Exportpläne von damals waren wohl etwas zu ambitioniert“, sagt Filipe de Vasconcelos Fernandes vom portugiesischen Wasserstoff-Verband AP2H2. Portugal hat zugleich Industrien, die auf grünen Wasserstoff warten, etwa Zementwerke oder Düngemittelhersteller. Diese Branchen verbrauchen viel Energie und stoßen viel CO₂ aus, weshalb grüner Wasserstoff dort besonders wirksam wäre. Sines bleibt damit ein „Hydrogen Valley“ im EU-Sinn, jedoch in deutlich kleinerem Maßstab als angekündigt.
Ammoniak übernimmt die Exportrolle
Weil Wasserstoff schwer zu transportieren ist, rückt wieder Ammoniak in den Fokus. Santos sagt, Sines solle Ammoniak mit grünem Wasserstoff statt grauem Wasserstoff aus Erdgas herstellen und dieses Produkt solle in andere EU-Länder gehen. Ammoniak lässt sich leichter transportieren als Wasserstoff, außerdem passt es zur Düngemittelproduktion. Der Tiefseehafen von Sines verstärkt diesen Kurs, weil große Schiffe Häfen wie Rotterdam oder Hamburg direkt erreichen können. Europa bekommt damit eine Alternative, während die ursprünglichen Exportpläne für Wasserstoff auf absehbare Zeit keine tragfähige Lieferkette mehr sind.
In Sines plant der Energiekonzern Galp in einer Raffinerie eine Wasserstoff-Katalyse-Anlage mit 100 Megawatt, die im zweiten Halbjahr 2026 starten soll. Galp will damit rund 20 Prozent des bislang eingesetzten grauen Wasserstoffs ersetzen, wodurch lokale Emissionen sinken. „Das dient der Entkarbonisierung Europas“, sagt João Peças Lopes von der Universität Porto. Das bleibt dennoch ein Baustein, denn eine einzelne Anlage ersetzt keine skalierte Exportinfrastruktur.
Umweltschützer kritisieren Exportpläne
Der Umweltverband Zero hält weite Transportwege für den falschen Ansatz, deshalb bewertet er den Rückzug aus dem Export positiv. „Wasserstoff über weite Strecken zu transportieren ist Unsinn“, sagt Acácio Pires. „Vielmehr sollte grüner Wasserstoff dort eingesetzt werden, wo er produziert wird.“ Kurze Wege senken Kosten und Verluste, während Transporte über große Entfernungen neue Abhängigkeiten schafft. So entsteht am Ende ein nüchternes Bild: Sines bleibt ein wichtiger Standort, doch die großen Exportpläne gelten praktisch als gescheitert, und Ammoniak füllt die Lücke.
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