Polizei bewacht jetzt Umspannwerke in Berlin mit bis zu vier Hundertschaften täglich

Nach dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Steglitz-Zehlendorf fährt Berlin den Schutz seiner Strominfrastruktur hoch und zwar mit massiver Polizeipräsenz. Nach Informationen der Berliner Zeitung stellt die Polizei täglich bis zu vier Hundertschaften ab, um Umspannwerke und weitere Anlagen zu sichern. Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe waren mehrere Tage ohne Strom (berliner-zeitung: 12.01.26).


Gewerkschaft kritisiert Einsatzstärke und warnt vor fehlenden Reserven

Die Deutsche Polizeigewerkschaft bewertet die Lage anders als der Senat und sie spricht von Aktionismus. Landeschef Bodo Pfalzgraf wird deutlich: „Meine Kolleginnen und Kollegen sind fassungslos über diese überzogene, sinnfreie und politisch motivierte Hyperaktivität“. Er stellt außerdem eine operative Frage, die in Berlin regelmäßig über Einsatzpläne entscheidet: „Mit welchen Reserven sollen wir künftig noch Großlagen in dieser Stadt bewältigen?“

Berlin setzt nach dem Brandanschlag  auf eine Kabelbrücke auf massiven Polizeieinsatz zur Sicherung der Strominfrastruktur
Berlin setzt nach dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke auf massiven Polizeieinsatz zur Sicherung der Strominfrastruktur

Pfalzgraf verweist damit auf die Belastung der Dienststellen, denn Hundertschaften binden Personal, Fahrzeuge und Führungsstrukturen. Gleichzeitig wächst der Druck, auf neue Anschlagsrisiken zu reagieren, weil der jüngste Angriff die Verwundbarkeit der Netze sichtbar machte und die Vulkangruppe im Internet weitere Anschläge in Berlin angekündigt hat. Die Polizei sichert nun Orte, die bislang kaum im Fokus standen und das verändert die Prioritäten im täglichen Dienst.

Viele Anlagen bleiben leicht zugänglich – oft fehlen Zäune und Technik

Dass der Staat nun Kräfte bündelt, hängt auch mit den Sicherheitslücken an vielen Standorten zusammen, allerdings nicht erst seit dem Anschlag. Die Berliner Zeitung berichtete, zahlreiche Hochspannungsanlagen stünden ohne Zaun da und verfügten weder über Bewegungssensoren noch über Kameras oder starke Ausleuchtung. Sogar 220-Kilovolt-Schaltanlagen wurden mit Graffiti besprüht, obwohl solche Flächen normalerweise nicht erreichbar sein sollten.

Statt physischer Barrieren finden sich teils nur Hinweisschilder, die den Zutritt untersagen, doch ein Schild stoppt niemanden. Solche Zustände erhöhen das Risiko für Sabotage und Vandalismus, weil Täter wenig Aufwand treiben müssen. Für Betreiber zählt hier jede Minute, denn ein gezielter Angriff kann ganze Bezirke treffen.

Senat prüft Kameras und Wärmedetektion – Betreiber geraten in den Fokus

Die zuständige Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) kündigte bereits in der vergangenen Woche an, den Schutz zu erhöhen und sie nannte konkrete Optionen. Geprüft werde unter anderem der Einsatz von Videokameras und Wärmedetektoren, weil diese Systeme Annäherungen früher erkennen können. Damit rückt eine technische Nachrüstung in den Vordergrund, die über reine Polizeistreifen hinausgeht.

Die Polizeigewerkschaft hält dennoch fest, dass die Verantwortung nicht bei den Einsatzkräften liegen soll. Sie sagt, der Schutz kritischer Infrastruktur gehöre zur Kernaufgabe der Betreiber und sie kritisiert, dieser Bereich sei bislang „sträflich vernachlässigt“ worden. Wenn Firmen jetzt nachrüsten, reduziert das langfristig den Bedarf an Polizeikräften, weil Technik dauerhaft überwacht und dokumentiert.


Kritis-Gesetz soll Pflichten verbindlich machen – Entscheidung erst im Sommer erwartet

Auch auf Bundesebene läuft die Debatte, außerdem liegt ein konkreter Entwurf auf dem Tisch. DPolG-Bundesvorsitzender Rainer Wendt fordert eine schnelle Umsetzung des sogenannten Kritis-Gesetzes, das Betreiber zu wirksamen Schutzmaßnahmen verpflichten soll. Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung existiert seit September und das parlamentarische Verfahren läuft.

Mit einem Beschluss rechnen Beobachter jedoch erst im Sommer, sodass Berlin bis dahin mit Übergangslösungen arbeiten muss. Für die Hauptstadt heißt das: Polizei sichert akut, während Politik und Betreiber an strukturellen Lösungen arbeiten. Entscheidend bleibt, dass aus kurzfristiger Bewachung ein dauerhaftes Sicherheitsniveau entsteht, damit Angriffe auf die Stromversorgung künftig weniger Chancen haben.

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