Anfang Februar sank der Wasserstand der Ostsee ungewöhnlich stark und zwar 67 cm unter Normalniveau. Gleichzeitig ist ca. ein Drittel der Ostsee mit einer auffällig dicken Eisdecke zugefroren. Forscher sprechen von einer seltenen Wetteranomalie, weil Wind und Luftdruck in dieser Region besonders direkt wirken. Deshalb geraten Häfen, Schifffahrt und auch empfindliche Lebensräume am Meeresboden unter Stress (tvpworld: 13.02.26).
Warum die Ostsee plötzlich so leer wirkt
Forscher des Instituts für Ozeanologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften melden einen Mittelwert von rund 67 Zentimetern unter dem Normalniveau in den ersten Februarwochen. Damit liegt der Pegel so niedrig wie in den Messreihen seit 1886 nicht mehr. Und die Größenordnung ist enorm, denn das Defizit entspricht etwa 275 Kubikkilometern Wasser.

Diese Menge lässt sich mit einem Vergleich greifbar machen, weil sie ungefähr der jährlichen Niederschlagsmenge des Vereinigten Königreichs entspricht. Für Küstenbereiche zählt jedoch nicht nur die Zahl, sondern die Wirkung auf die Praxis. Flachere Zufahrten erschweren Manöver, sodass Port- und Frachtabläufe lokal aus dem Takt geraten.
Wind, Hochdruck und der Effekt „wind set-down“
Der Haupttreiber liegt nicht im Niederschlag, sondern in der Luftströmung über dem Becken. Starke Winde drücken Wasser durch die dänischen Sunde in Richtung Nordsee, während ein Hochdruckgebiet zugleich stabile Verhältnisse ohne kräftige Fronten begünstigt. Dadurch entsteht eine typische Konstellation, die Meteorologen als „wind set-down“ beschreiben.
Dabei verschwindet kein Wasser aus dem System, sondern es verlagert sich innerhalb der Ostsee. Wasser staut sich an entfernten Enden, während Pegel in anderen Zonen rasch fallen, obwohl das Gesamtvolumen gleich bleibt. Genau diese Dynamik macht das Ereignis so heikel, weil lokale Engstellen schneller problematisch werden.
Die Forscher betonen außerdem, dass andere Erklärungen hier nicht passen. Wörtlich heißt es: „Es ist kein Mangel an Niederschlag oder ein ‚Austrocknen des Meeres‘ durch geringere Flusszuflüsse“, der das Phänomen ausgelöst habe. Und sie ergänzen: „Die Ostsee hat nur sehr wenig natürlichen Wasserzu- oder -abfluss vom Land, daher haben Wind und Druck einen viel größeren Einfluss.“
Folgen für Schiffe und Sauerstoff am Meeresboden
Die niedrigen Pegel wirken zuerst auf die Schifffahrt, weil flache Ansteuerungen und Fahrrinnen weniger Spielraum lassen. Das betrifft vor allem Bereiche, in denen jeder Dezimeter zählt, während größere Seegebiete optisch oft harmlos wirken. Trotzdem können einzelne Häfen kurzfristig umplanen müssen, weil sichere Tiefgänge nicht überall garantiert bleiben.
Parallel verschärft sich ein anderes Problem, denn sinkende Wasserstände können den Sauerstoff am Meeresboden reduzieren. Dort leben Muscheln, Würmer und andere Bodenorganismen, und sie brauchen stabile Bedingungen. Wenn der Sauerstoff fällt, steigt das Risiko für lokale Ausfälle, sodass sich ganze Mikrolebensräume verändern können.
Mehr Eis als sonst – und ein offizieller Eisweg in Estland
Zum Rekord-Tiefstand kommt eine lange Kältephase seit Anfang Januar, und deshalb fror die Ostsee in diesem Winter deutlich stärker als üblich zu. Nach Angaben des Finnischen Meteorologischen Instituts bedeckt Eis rund ein Drittel der gesamten Ostsee. Besonders im Finnischen Meerbusen ist die Decke dick, denn dort werden 10 bis 40 Zentimeter gemeldet, so viel wie seit 15 Jahren nicht.
Estland reagierte pragmatisch und eröffnete in der vergangenen Woche eine offizielle Eisstraße. Sie ist 17 Kilometer lang und verbindet zwei Inseln, wodurch Wege plötzlich über das gefrorene Meer möglich werden. Behörden warnen dennoch ausdrücklich vor Spaziergängen auf dem Eis, weil schwächere Zonen existieren und Risse unter Belastung entstehen können.
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