Im US-Bundesstaat Washington hat das Privatunternehmen Helion in seinem Prototyp „Polaris“ ein Plasma auf 150 Millionen Grad Celsius erhitzt und damit einen Meilenstein für private Kernfusion gemeldet. Die Temperatur liegt klar über der in der Fachwelt wichtigen 100-Millionen-Marke, die als Voraussetzung für technisch relevante Fusionskraftwerke gilt. Zugleich registrierte Helion erstmals messbare Deuterium-Tritium-Reaktionen in einer privat finanzierten Anlage, was wegen der hohen Energiedichte dieses Brennstoffs als besonders bedeutsam gilt. Externe Experten prüften die Diagnosedaten und bestätigten die Temperaturmessungen sowie Hinweise auf diese Reaktionen. Der Anlass war ein jüngster Testlauf von „Polaris“, das seit Ende 2024 in Betrieb ist (focus: 18.02.26).
Privatunternehmen über der 100-Millionen-Marke – was der Sprung bedeutet
Die 150 Millionen Grad entsprechen rund 13 Kiloelektronenvolt, jedoch zählt in der Praxis mehr als ein Rekordwert. In der Fachwelt gilt oft die Marke von 100 Millionen Grad als relevante Schwelle. Helion erreichte diese Schwelle bereits mit dem Vorgänger „Trenta“, während „Polaris“ nun deutlich darüber liegt.

Die externe Prüfung ist dabei zentral, denn Messfehler würden das Ergebnis sofort entwerten. Laut Unternehmen bestätigten externe Fachleute sowohl die außergewöhnlich hohen Temperaturen als auch Hinweise auf D-T-Reaktionen. Trotzdem entscheidet nicht allein die Temperatur, sondern auch Stabilität und Wiederholbarkeit.
Deuterium-Tritium-Brennstoff im Privatbetrieb – Genehmigung und offene Hürden
Im Januar 2026 setzte Helion erstmals Deuterium-Tritium-Brennstoff in einer privat finanzierten Anlage ein, deshalb steht das Projekt auch regulatorisch im Fokus. Tritium ist radioaktiv, zugleich unterliegt es strengen Auflagen. Helion meldet, als erstes privates Fusionsprojekt die nötige Genehmigung erhalten zu haben.
Ryan McBride, Experte für Plasma- und Pulsleistungstechnik, sagte nach Sichtung der Daten: „Es ist spannend zu sehen, dass Hinweise auf Deuterium-Tritium-Fusion und Temperaturen von über 13 keV oder 150 Millionen Grad Celsius vorliegen.“ Deuterium-Tritium-Reaktionen liefern besonders viel Energie, außerdem nutzen auch staatliche Programme diesen Brennstoff. Für ein Kraftwerk zählen jedoch vor allem stabile Abläufe und eine positive Energiebilanz.
Schnelle Prototypen und der Weg Richtung Netz
Helion baute seit der Gründung sieben Prototypen, während jede neue Anlage schneller entstehen sollte als die vorige. Firmenchef David Kirtley beschreibt das Vorgehen so: „Wir glauben, dass der sicherste Weg zur Kommerzialisierung der Fusion darin besteht, so schnell wie möglich zu bauen, zu lernen und weiterzuentwickeln.“ Das Tempo hilft beim Lernen, jedoch steigt damit auch der Druck auf Qualitätssicherung und Nachweisführung.
Auf „Polaris“ soll eine kommerzielle Maschine folgen, deshalb rückt der nächste Schritt bereits näher. Im Juli 2025 begann in Washington der Bau der Anlage „Orion“. Sie soll Strom ins öffentliche Netz liefern, während Microsoft als Abnehmer vorgesehen ist.
Was das Privatunternehmen noch beweisen muss
Langfristig plant das Privatunternehmen den Einsatz von Deuterium-Helium-3, zugleich steigen damit die Anforderungen. Dafür müssen Temperatur, Stabilität und Energieausbeute weiter zulegen. Zudem muss die Anlage dauerhaft mehr Energie erzeugen, als sie verbraucht.
Alan Hoffman, seit Jahrzehnten in der Fusionsforschung aktiv, sagte: „Ich sehe weiterhin, wie sich die Technologie skaliert und wie die Energierückgewinnung dieses Konzept für den kommerziellen Maßstab ermöglicht.“ Das klingt optimistisch, jedoch bleibt der Nachweis im Dauerbetrieb entscheidend. Erst dann wird aus Versuchstechnik eine verlässliche Stromquelle.
Deutschland: Forschung, Start-ups und Milliardenplan
In Deutschland treibt das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald den Stellarator „Wendelstein 7-X“ voran, während dort stabile Plasmen und lange Entladungen gelingen. Das gilt als wichtiger Baustein für spätere Dauerläufe. Parallel wächst die private Szene, außerdem sammeln Start-ups wie Proxima Fusion und Marvel Fusion Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.
Die Bundesregierung will einen Fusionsaktionsplan unterstützen, deshalb sollen bis 2029 mehr als zwei Milliarden Euro in Forschung und Infrastruktur fließen. Ein Reaktor mit Netzeinspeisung existiert jedoch noch nicht. Viele Experten erwarten breite Fusionskraftwerke erst in den 2040er-Jahren oder später, während das Privatunternehmen Helion vor allem einen technischen Zwischenstand liefert.
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