Neue Abhängigkeit nach Verbot von russischem Gas – teures US-LNG wird Europas neues Risiko

Europa baut nach dem Verbot von russischem Gas seine Versorgung um, jedoch treibt dieser Kurs Deutschland und die EU in eine neue Abhängigkeit von teurem US-LNG. Deutschland bezog im vergangenen Jahr laut Bundeswirtschaftsministerium 96 Prozent seines LNG aus den USA. Im europäischen Wirtschaftsraum stammen fast 40 Prozent aller Gasimporte aus den Vereinigten Staaten, zugleich liegt ihr Anteil beim LNG bei rund 60 Prozent. Studien des Ecologic Institute, des Clingendael-Instituts und des Norwegian Institute of International Affairs warnen deshalb: Bis 2030 könnte die EU bis zu 80 Prozent ihres LNG aus den USA beziehen.


Abhängigkeit durch US-LNG – deshalb wird Gas wieder zur Machtfrage

Diese Entwicklung schafft kurzfristig Ersatz, jedoch verschiebt sie das Risiko nur. Europa hängt stärker an einem Lieferland, das Preise und Mengen politisch und wirtschaftlich steuern kann. LNG bleibt zudem teurer als Pipeline-Gas, weil Verflüssigung, Transport und Regasifizierung Kosten addieren. Gleichzeitig konkurriert Europa auf dem Weltmarkt mit Asien, weshalb Preisspitzen schneller durchschlagen.

Nach dem Verbot von russischem Gas droht Europa jetzt eine neue teure Abhängigkeit von amerikanischem LNG
Nach dem Verbot von russischem Gas droht Europa jetzt eine neue teure Abhängigkeit von amerikanischem LNG

Für Deutschland steigt damit das Risiko neuer Kostenschocks, während Industrie und Stadtwerke weiter unter Beschaffungsdruck stehen. Spotmarkt-Lieferungen reagieren sofort auf Krisen. Das wirkt flexibel, jedoch kann es im Winter teuer werden. Genau deshalb ist die neue Abhängigkeit nicht nur geopolitisch, sondern auch volkswirtschaftlich relevant.

US-Anteile wachsen rasant – es droht ein strukturelles Klumpenrisiko

Die Importanteile zeigen, wie schnell sich das Gleichgewicht verschiebt. Wenn Deutschland fast sein gesamtes LNG aus den USA bezieht, entsteht eine faktische Einbahnstraße. Auf EU-Ebene wächst der US-Anteil ebenfalls, und damit steigt das Klumpenrisiko. Ein einzelner politischer Konflikt, ein Streik in Terminals oder eine Exportpriorisierung in den USA kann Folgen für Preise und Versorgung in Europa haben.

Hinzu kommt die Planungsunsicherheit, weil Europa LNG oft über kurzfristige Verträge beschafft. Langfristige Bindungen können zwar Mengen sichern, jedoch zementieren sie zugleich Preis- und Lieferstrukturen. In beiden Fällen bleibt Europa angreifbar. Die Abhängigkeit verfestigt sich, währenddessen Alternativen nur langsam skalieren.

Trump-Faktor und US-Innenpolitik – die Verlässlichkeit bleibt fragil

Unter der Präsidentschaft von Donald Trump wird die US-Seite aus europäischer Sicht schwer kalkulierbar. Entscheidungen über Handel, Sanktionen oder Exportpolitik können sich schnell ändern. Selbst ohne formale Exportstopps reichen Signale, um Märkte zu bewegen, weil Händler Erwartungen einpreisen. Genau hier liegt das Problem: Europas Versorgung hängt nicht nur an Molekülen, sondern an politischer Stimmung.

Auch innenpolitische Debatten in den USA können LNG-Exporte bremsen oder verteuern, etwa über Genehmigungen, Umweltauflagen oder Hafeninfrastruktur. Europa trägt diese Unsicherheit mit. Das gilt umso mehr, wenn die EU bis 2030 tatsächlich bis zu 80 Prozent ihres LNG aus den USA beziehen sollte.

Preislogik von LNG – die Infrastruktur bleibt ein Kostentreiber

LNG verursacht zusätzliche Wertschöpfungsstufen, deshalb steigt der Preis gegenüber klassischem Pipeline-Gas. Verflüssigungsanlagen benötigen Energie und Kapital. Der Transport über Ozeane bindet Tankerkapazitäten. Danach folgen Regasifizierung und Netzeinspeisung, außerdem entstehen Kosten für Terminals, Speicher und Netzanschlüsse.

Deutschland hat die neue LNG-Infrastruktur schnell aufgebaut, jedoch bleibt sie teuer im Betrieb und in der Finanzierung. Je stärker die Nutzung steigt, desto stärker hängt die Preisbildung an globalen Frachtraten, Terminalkapazitäten und Weltmarktknappheit. Währenddessen kann eine kalte Wetterlage oder ein Ausfall in einer Exportregion sofort Preiswellen auslösen.


Folgen für Deutschland – Standortpolitik wird zur Energiepolitik

Hohe und volatile Gaspreise treffen energieintensive Branchen zuerst. Chemie, Glas, Metall und Teile der Grundstoffindustrie reagieren empfindlich auf Beschaffungskosten. Das wirkt sich auf Produktion, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit aus. Gleichzeitig steigen Risiken für kommunale Versorger, weil sie Beschaffung und Kundenpreise stabilisieren müssen, während der Markt in Krisen sprunghaft reagiert.

Für Haushalte bleibt Gas eine zentrale Heizenergie, weshalb Preisschübe sofort sichtbar werden. Staatliche Entlastungen können dämpfen, jedoch verschieben sie Kosten in Haushalte und Budgets. Damit wird die LNG-Preisfrage zur sozialen und fiskalischen Frage.

Diversifizierung ernst nehmen, damit die nächste Abhängigkeit nicht dauerhaft wird

Europa braucht mehr als den Austausch eines dominanten Lieferanten. Es braucht eine echte Streuung von Lieferländern, Vertragsformen und Energieträgern. Dazu gehört auch, die Nachfrage strukturell zu senken, etwa über Effizienz, Elektrifizierung und den Ausbau erneuerbarer Energien. Je geringer der Gasbedarf, desto kleiner die Erpressbarkeit über Preise.

Solange Europa nach dem Verbot von russischem Gas in eine neue Abhängigkeit von teurem US-LNG hineinwächst, bleibt die strategische Lage angespannt. Dann droht ein Irrweg: weniger Russland, dafür ein neues Klumpenrisiko. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob LNG verfügbar ist, sondern wie viel Abhängigkeit Europa sich dauerhaft leisten will. (KOB)

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