Der Terroranschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Südwesten führte zu einem großflächigen Stromausfall. Die Instandsetzung der beschädigten Verbindung dauerte mehrere Tage. In dieser Zeit mussten zahlreiche Bewohner in Steglitz-Zehlendorf ohne Strom auskommen und vielerorts blieb auch die Heizung kalt. Weil der Angriff eine zentrale Verbindung im Berliner Stromnetz traf, fielen die Folgen besonders schwer aus – umso brisanter ist, dass die Bundesregierung nach eigener Aussage keinen Überblick über vergleichbare kritische Knotenpunkte im gesamten deutschen Stromnetz hat (tagesspiegel: 26.01.26).
Terroranschlag legt Schwächen bei Netz-Transparenz offen
Nach dem Vorfall stellte der Grünen-Abgeordnete Alaa Alhamwi eine Kleine Anfrage zur Netzsicherheit. Er wollte wissen, ob die Bundesregierung Schwachstellen im deutschen Stromnetz kennt, die aus fehlender (n-1)-Sicherheit entstehen. Dabei geht es um Bereiche, in denen der Ausfall eines einzigen Netzelements bereits große Versorgungsunterbrechungen auslösen kann. Das Bundeswirtschaftsministerium antwortete dem Tagesspiegel zufolge eindeutig: „Zu der Frage, wie viele Endkunden nicht (n – 1)‑sicher angeschlossen sind, liegen der Bundesregierung und insbesondere der zuständigen Bundesnetzagentur keine Zahlen vor“.

Damit fehlt ausgerechnet bei einem zentralen Risiko ein belastbarer Überblick. Zugleich bleibt offen, welche Regionen besonders anfällig sind, wenn ein Bauteil ausfällt oder sabotiert wird. Das Ministerium verweist dennoch auf eine grundlegende Planungslogik im Netz. Im Höchst- und Hochspannungsnetz sehen die Grundsätze demnach vor, „dass 100 Prozent der Kunden n-1-sicher angeschlossen sein müssen“.
Allerdings verändert sich die Lage mit jeder Netzebene. Mit sinkender Spannungshöhe steigt laut Bundesregierung die Zahl der Endkunden ohne diese Absicherung. Das betrifft vor allem Mittel- und Niederspannung, also den Teil der Infrastruktur, der Haushalte und viele Betriebe direkt versorgt. Gerade dort entscheidet sich im Ernstfall, ob ein Defekt lokal bleibt oder sich ausweitet.
(n – 1) Prinzip: hoher Standard, aber nicht überall Pflicht
Das (n – 1)-Prinzip gilt als Kernregel der Netzplanung. Es verlangt, dass das System auch dann stabil bleibt, wenn eine einzelne Komponente ausfällt. Fällt etwa ein Transformator oder ein Stromkreis aus, muss die Versorgung über alternative Wege weiterlaufen. Ziel ist, dass eine Störung nicht eskaliert und sich nicht kaskadenartig ausbreitet.
Dieser Standard sorgt im Übertragungsnetz für eine hohe Robustheit. Dennoch gibt es keinen lückenlosen Schutz gegen gezielte Angriffe, wie der Terroranschlag in Berlin gezeigt hat. Außerdem gilt die Vorgabe nicht durchgehend verpflichtend. Unterhalb der Hochspannungsebene ist die (n – 1)-Planung in Mittel- und Niederspannung nicht zwingend.
Damit entsteht ein strukturelles Risiko. Redundanzen hängen in diesen Ebenen stärker von lokalen Ausbauten und Betreiberentscheidungen ab. Die Versorgung kann deshalb regional sehr unterschiedlich abgesichert sein, obwohl die Auswirkungen eines Ausfalls für Betroffene ähnlich hart ausfallen. Der Berliner Blackout machte das sichtbar, weil eine beschädigte Verbindung in kurzer Zeit große Teile eines Bezirks traf.
Der Anschlag wird der linksextremen „Vulkangruppe“ zugeschrieben. Er führte zum längsten Blackout der Berliner Nachkriegsgeschichte, und zwischenzeitlich waren bis zu 100.000 Einwohner ohne Strom und Heizung. Seitdem läuft die Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur intensiver. Gleichzeitig rückt die Frage stärker in den Vordergrund, wo im Netz kritische Knotenpunkte liegen, deren Ausfall sofort große Schäden nach sich zieht.
Regierung verweist auf Betreiber – Kritik aus dem Bundestag
In der Antwort der Bundesregierung liegt ein Schwerpunkt auf der Zuständigkeit der Netzbetreiber. Es obliege den Unternehmen, das Stromnetz nach den gültigen Planungsgrundsätzen auszulegen. Unklar bleibt jedoch, wie systematisch Schwachstellen erfasst werden und wie konsequent die Einhaltung überprüft wird. Gerade diese Fragen entscheiden aber darüber, ob Risiken nur bekannt sind oder tatsächlich sinken.
Alaa Alhamwi kritisiert die Haltung des Bundes scharf. „Es ist fatal, dass die Bundesregierung offenbar keinen Überblick über die Schwachstellen im deutschen Stromnetz hat. Statt diese systematisch zu analysieren, zieht sie sich aus der Verantwortung zurück und verweist auf die Netzbetreiber“, sagte er dem Tagesspiegel. Der Berliner Terroranschlag sei ein Warnsignal gewesen, und die Bundesregierung müsse für „resiliente und wirksam geschützte Stromnetze sorgen“.
Der Konflikt dreht sich damit um Verantwortung und Steuerung. Wer kritische Knotenpunkte nicht kennt, kann Schutzmaßnahmen kaum priorisieren. Wer keine Zahlen zur fehlenden (n – 1)-Sicherheit hat, kann Risiken nicht sauber bewerten. Alhamwi warnt deshalb vor Folgen für den Standort und die Bevölkerung. Bleibe der Bund untätig, setze er die „Energiesicherheit der Menschen und Unternehmen“ in Deutschland aufs Spiel.
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