Nach den Verwerfungen bei Kraftstoffen und Gas erreicht die Energiekrise nun mit voller Wucht den Strommarkt. In Deutschland wurden an der Strombörse EEX am 31. März Stromkontrakte für den kommenden Mai bei 86,80 Euro je Megawattstunde gehandelt. In Frankreich lag der Vergleichswert zum gleichen Zeitpunkt nur bei 22,06 Euro. Damit kostet Strom für den Mai in Deutschland fast viermal so viel wie im Nachbarland. Auslöser ist die Zuspitzung im Nahen Osten mit Folgen für die Gasversorgung. Sie trifft jedoch auf ein deutsches Stromsystem, das seit dem Atomausstieg 2023 deutlich anfälliger auf teure fossile Erzeugung reagiert. Vor allem in Stunden mit wenig Wind und wenig Sonne steigen dann die Kosten stark. Die Folgen reichen deshalb von höherem Druck auf Versorger und Industrie bis zu neuen Belastungen für Haushalte (bloomberg: 31.03.26).
Deutschlands Strommarkt gerät tiefer in die Kostenfalle
Der extreme Preisabstand zwischen Deutschland und Frankreich kommt nicht aus dem Nichts. Er hat sich über Jahre aufgebaut, wird durch die neue Krise jedoch mit ungewöhnlicher Wucht offengelegt. Frankreich stützt seine Stromversorgung vor allem auf Kernenergie und ergänzt sie durch erneuerbare Quellen. Das schafft eine vergleichsweise konstante und günstige Produktionsbasis.

Deutschland verfolgt dagegen einen anderen Kurs. Wind- und Solarstrom liefern inzwischen große Mengen, zugleich fehlt seit dem Abschalten der letzten Kernkraftwerke eine stabile Ergänzung für Schwachlastphasen. Wenn die erneuerbare Einspeisung am Abend sinkt, müssen deshalb Gas- und Kohlekraftwerke die Lücke schließen. Genau in diesen Stunden schlägt die Verteuerung fossiler Brennstoffe direkt auf den Strompreis durch.
Der Krieg verstärkt einen alten Nachteil
Der Markt reagiert damit nicht nur auf ein kurzfristiges Ereignis. Vielmehr verschärft der Krieg im Umfeld Irans einen strukturellen Nachteil, der im deutschen Stromsystem bereits angelegt war. Yiannis Papamikrouleas, Handelschef bei DEPA Commercial SA, bringt diese Entwicklung knapp auf den Punkt: „Der Trend war bereits vorhanden. Die aktuelle geopolitische Prämie beschleunigt und verstärkt ihn.“
Diese Einschätzung erklärt die Schärfe des Ausschlags. Die geopolitische Unsicherheit verteuert Gas, während Deutschland stärker als Frankreich auf flexible fossile Kraftwerke angewiesen bleibt. Deshalb steigt der Preis hier nicht bloß mit, sondern deutlich schneller. Die Strombörse bewertet also nicht nur die aktuelle Lage, sondern auch die wachsende Verwundbarkeit des deutschen Systems.
Versorger versuchen zwar, die Belastung abzufedern. Sie verlagern die Erzeugung teilweise von importiertem Gas zurück auf Kohle. Doch auch dieser Ausweg verliert an Wirkung. Zu viele Kohlekraftwerke wurden im Zuge des Ausstiegspfads bereits stillgelegt, sodass der noch verfügbare Spielraum begrenzt bleibt.
Berlin prüft die Rückkehr alter Kraftwerksreserven
Genau deshalb rückt nun ein Schritt in den Vordergrund, der politisch bereits überwunden schien. Die Bundesregierung erwägt, Kohlekraftwerke aus der Reserve wieder an den Markt zu holen. Darüber hinaus steht sogar die Reaktivierung stillgelegter Blöcke im Raum. Das zeigt, wie ernst die Lage inzwischen bewertet wird.
Zusätzlichen Druck erzeugt außerdem der französische Exportmarkt. Nach Angaben von William Peck, leitender Europa-Analyst bei Energy Aspects Ltd., hat der französische Netzbetreiber RTE in früheren Frühjahrsphasen grenzüberschreitende Stromflüsse im Osten wegen Netzengpässen begrenzt. Solche Beschränkungen drücken die Preise in Frankreich, weil Überschüsse im Land bleiben. In den Nachbarstaaten steigen die Kosten dagegen, weil billiger Importstrom fehlt. Der Rekordabstand beim Mai-Strompreis ist deshalb mehr als eine Börsennotiz. Er markiert eine neue Eskalationsstufe der europäischen Energiekrise.
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