Nach Berliner Blackout – Kemfert fordert Notstrom-Pflicht für Neubauten

Der Berliner Stromausfall traf im Winter rund 45.000 Haushalte. Die Energieökonomin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Claudia Kemfert, zieht daraus eine klare Konsequenz: Notstrom soll bei Neubauten Pflicht werden. Denn aus ihrer Sicht versagten weniger die Netze als die Vorbereitung auf den Ernstfall. Deshalb fordert sie verbindliche Regeln, die Ausfälle künftig abfedern (fr: 26.01.26).


Prävention muss zur Leitlinie werden

Kemfert sagt klar: „Was wir brauchen, ist Prävention“. Deutschland reagiere oft erst, wenn Schäden sichtbar seien und genau das räume Krisen zu viel Raum ein. Außerdem zeige der Blackout, dass Krisenroutinen selten geübt werden. Damit steige das Risiko, dass sich ein lokaler Ausfall schnell ausweitet.

DIW-Expertin Kemfert verlangt nach Blackout in Berlin eine Notstrom-Pflicht für Neubauten und Inselnetze mit Solar-Speichern
DIW-Expertin Kemfert verlangt nach Blackout in Berlin eine Notstrom-Pflicht für Neubauten und Inselnetze mit Solar-Speichern

Aus Kemferts Sicht lag die Schwachstelle nicht im Stromnetz als Ganzem, sondern in Abläufen und Kommunikation. Zuständigkeiten blieben teilweise unklar, während parallel die Lage dynamisch wurde. Dennoch brauche es Standards, die auch bei komplizierten Szenarien funktionieren. Denn ein Blackout trifft nicht nur Technik, sondern den Alltag in ganzen Wohnquartieren.

Notstrom im Neubau als neuer Standard

Aus der Analyse leitet Kemfert eine Pflicht ab, die unmittelbar wirkt: „Notstrom sollte zumindest in Neubauten zum Standard gehören.“ Sie zielt damit auf eine minimale Stromreserve, die grundlegende Funktionen im Gebäude absichert. So wie Rauchmelder Leben schützen, könne eine Notstromlösung Ausfälle bei einem Stromausfall zumindest abmildern. Und sie betont, dass Eigentümer und Vermieter Verantwortung tragen, weil ein Problem im Netz schnell ganze Häuserzeilen betrifft.

Kemfert fordert dabei keine Luxuslösung, sondern eine verlässliche Mindestvorsorge. Extremwetter, technische Störungen sowie Sabotage und Cyberangriffe erhöhen die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Stromausfalls und deshalb wächst der Handlungsdruck. Gleichzeitig kann ein einfacher Standard Kosten begrenzen, weil Folgeschäden oft teuer werden. Damit rückt die Baupraxis in den Mittelpunkt der Debatte.

Solarenergie und Speicher als Resilienz-Booster

Kemfert verweist als tragfähige Perspektive auf Solarenergie in Kombination mit Speichern, weil sich damit lokale Reserven aufbauen lassen. Die Technik sei inzwischen sehr günstig, und sie lasse sich für Häuser oder Quartiere sinnvoll organisieren. Dadurch könnten wichtige Verbraucher weiterlaufen, obwohl das große Netz Probleme hat. Zugleich entstünde ein praktischer Nutzen im Alltag, weil Speicher Lastspitzen abfedern.

Entscheidend ist für Kemfert die Systemlogik, nicht nur die Hardware. Wer heute eine Solaranlage besitzt, kann bei einem Blackout oft trotzdem keinen eigenen Strom nutzen, weil Schutzmechanismen die Anlage vom Netz trennen. Deshalb braucht es Konzepte, die Versorgung im Inselbetrieb ermöglichen. Denn ohne diese Fähigkeit bleibt selbst modernste Technik im Krisenmoment wirkungslos.


Inselnetze und kommunale Verantwortung

Kemfert beschreibt hierfür das Prinzip der Inselnetze, also lokale Stromsysteme, die sich im Ernstfall abkoppeln und eigenständig stabil bleiben. Krankenhäuser und Rechenzentren arbeiten seit langem damit, weil sie Ausfälle nicht akzeptieren können. Für Privathaushalte fehlt diese Struktur häufig, obwohl der Bedarf im Blackout sichtbar wird. Deshalb sollten Quartiere Inselbetrieb technisch und organisatorisch vorbereiten.

Gleichzeitig kritisiert Kemfert die politische Schwerpunktsetzung beim Schutz kritischer Infrastruktur. Der Blick richte sich oft auf Betreiber und Anlagen, während Kommunen und Verwaltungen zu wenig eingebunden seien. Dabei entscheiden gerade Städte und Landkreise über Anlaufstellen, Kommunikation und Hilfe für Betroffene. Und besonders schutzbedürftige Menschen brauchen klare Schutzketten, damit Unterstützung schnell und zuverlässig ankommt.

Aufrufe zur Vorsorge wurden lange als rechte Panikmache eingestuft

Im öffentlichen Diskurs galten Aufrufe zur Vorsorge lange als Thema, das viele Medien und Kommentatoren der rechten Szene zuordneten. Deshalb wurden Empfehlungen für Wasser, Batterien oder ein Notfallradio häufig pauschal abgewertet, obwohl Vorsorge auch Teil von Katastrophenschutz ist. In der ZDF Sendung „Terra X“ kommentierte Professor Harald Lesch die Schlagzeile „Das brauchen Sie, falls der Blackout kommt“ mit den Worten: „Das ist eigentlich alles Blödsinn, das ist echt Angstmacherei“.

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