Friedrich Merz nennt Windkraft eine Übergangstechnologie, obwohl gerade der Ausbau von Offshore-Anlagen und Netzen für Jahrzehnte geplant werden. Dennoch verknüpft er den Ausbau mit einer großen Zukunftserzählung. Er sagt, Deutschland solle „den ersten Fusionsreaktor der Welt ans Netz nehmen“. Gleichzeitig bleiben Strompreise für viele Haushalte hoch, und die Zustimmung zum Windkraftausbau bröckelt in Teilen der Bevölkerung.
Übergangstechnologie statt ehrlichem Plan
Merz erklärt, Windenergie werde uns „zehn Jahre, 20 Jahre, vielleicht 30 Jahre begleiten“. Damit setzt er ein Ablaufdatum, obwohl die Energiewende stabile Erzeugungskapazitäten braucht. Zudem sendet er ein Signal an Investoren, das wie ein Vorbehalt klingt. Gerade Offshore-Projekte rechnen mit langen Laufzeiten und hohen Vorleistungen.

Die gesellschaftliche Stimmung passt ebenfalls nicht zu einem simplen Durchmarsch. In der Akzeptanzumfrage der Fachagentur Wind und Solar sank die gesamtgesellschaftliche Zustimmung 2025 „erstmals … nennenswert“, auch wenn weiter eine Mehrheit den Ausbau unterstützt. Gleichzeitig zeigen die Daten starke Unterschiede nach Region und Parteipräferenz. Im Osten liegt die Zustimmung deutlich niedriger als in den westdeutschen Ländern, und bei AfD-Anhängern brach sie gegenüber dem Vorjahr spürbar ein.
Fusion als Heilsversprechen, aber ohne Kraftwerk
Merz stellt Kernfusion als nächsten großen Schritt dar, allerdings existiert bis heute kein Fusionskraftwerk, das kommerziell Strom ins Netz liefert. Selbst ITER wird keinen Strom erzeugen, sondern bleibt ein Experiment, das technische Grundlagen klären soll. Auch die EU-Kommission beschreibt ITER ausdrücklich als rein experimentelle Anlage ohne Stromproduktion.
Dazu kommt die Betriebsrealität im Labor. Der aktuelle Rekord für lange Tokamak-Plasmen liegt im Minutenbereich, zum Beispiel gut 22 Minuten im WEST-Experiment. Das zeigt Fortschritt, aber es bleibt weit weg von einem robusten Kraftwerksbetrieb über lange Zeiträume. Denn ein Netzreaktor muss nicht Minuten halten, sondern jahrzehntelang zuverlässig.
Strompreise: Versprechen und Alltag klaffen auseinander
Merz koppelt die Fusionserzählung an extrem günstige Strompreise und behauptet, es brauche dann „keine anderen Erzeugungsmethoden mehr“. Allerdings erleben Verbraucher seit Jahren eher das Gegenteil. Haushaltsstrom bleibt 2025 vielerorts teuer, obwohl Börsenstrom phasenweise günstiger ausfiel. Netzentgelte, Umlagen und Systemkosten drücken den Endpreis nach oben, und das frisst Preisvorteile oft auf.
Zudem wächst der politische Druck, Entlastungen über Steuern und Netzentgelte zu organisieren. Agora Energiewende betont selbst, dass attraktivere Strompreise zentrale Voraussetzung bleiben und politische Eingriffe bei Netzentgelten und Stromsteuer eine Schlüsselrolle spielen. Das zeigt, wie wenig automatisch sich „billiger Strom“ allein aus Ausbauzielen ergibt.
Windkraftausbau: mehr Anlagen, weniger Geduld
Auch beim Ausbau selbst gibt es Reibung. Offshore-Ziele treffen auf Flächenkonflikte, Ausschreibungsrisiken und Kostenfragen. Gleichzeitig wächst lokal der Widerstand. Die Akzeptanzstudie der Fachagentur beschreibt den Rückgang 2025 ausdrücklich als nennenswert, und sie dokumentiert eine spürbare Polarisierung.
Wenn Merz Windkraft als Übergangstechnologie rahmt, verschärft das dieses Problem. Denn die Botschaft klingt wie: Heute baut ihr Anlagen, morgen werden sie überflüssig. Das motiviert kaum zu Kompromissen vor Ort und es schwächt die Planungssicherheit. Außerdem braucht Deutschland Netze und Speicher unabhängig davon, ob die Fusion eines Tages kommt.
Ablenkung liegt nahe, Substanz bleibt dünn
Merz nutzt Kernfusion als politisch komfortables Zukunftsbild, obwohl kein kommerzieller Betrieb existiert und selbst Rekorde nur Minuten Stabilität zeigen. Vermutlich geht es ihm in erster Linie um Ablenkung in der immer wieder aufkommenden Debatte um den Wiedereinstieg in die Atomkraft. Gleichzeitig stehen Windkraftausbau und Akzeptanz unter Druck und die versprochenen günstigeren Strompreise kommen bei vielen Menschen nicht an. Deshalb wirkt die Erzählung von der Übergangstechnologie wie eine Kommunikationsstrategie, die von den harten Zielkonflikten ablenkt. Wer Versorgung sichern will, muss erst die heutigen Systemprobleme lösen, statt auf einen technologischen Befreiungsschlag in ferner Zukunft zu hoffen. (KOB)
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