Merz bezeichnet Atomausstieg als „schweren strategischen Fehler“ – wo bleibt die Korrektur?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat den Atomausstieg als einen „schweren strategischen Fehler“ bezeichnet (welt: 15.01.26). Das klingt nach Klartext. Doch Merz sagt nicht, ob er diesen Fehler korrigieren will. Er nennt dazu weder ein Ziel, noch einen Zeitplan und schon gar keinen rechtlichen Pfad, der den Wiedereinstieg in die Atomkraft ermöglichen könnte. Damit bleibt die Aussage politisch folgenlos. Ein Satz, der auf Wahlplakaten funktioniert – und nach den Erfahrungen mit seinen gebrochenen Wahlversprechen vor allem eines ist: ein kalkulierter Stimmenfänger, ohne jede Absicht, daraus politische Realität zu machen.


Historie kurz, Verantwortung heute

Der Ausstiegspfad begann 2000/2002 mit dem Atomkonsens unter Rot-Grün. Merkel verlängerte 2010 zunächst die dort vereinbarten Laufzeiten und vollzog nach Fukushima im Jahr 2011 die abrupte Kehrtwende in atemberaubendem Tempo. Drei Tage nach dem Tsunami beschloss die Regierung ein Atom-Moratorium, kurz darauf wurden die ältesten Meiler für drei Monate stillgelegt. Bereits wenige Monate später lag mit dem Kabinettsbeschluss am 6. Juni 2011, dem Bundestagsbeschluss am 30. Juni 2011und der Zustimmung im Bundesrat am 8. Juli 2011das Gesetzespaket für den beschleunigten Ausstieg auf dem Tisch. Diese Vorgeschichte erklärt die politische Aufladung. Sie erklärt aber nicht, warum Merz heute so scharf urteilt, ohne Konsequenzen zu benennen.

Merz nennt den Atomausstieg einen Fehler, liefert aber keinen Plan zur Korrektur - währenddessen laufen Rückbau und Abriss weiter
Merz nennt den Atomausstieg einen Fehler, liefert aber keinen Plan zur Korrektur – währenddessen laufen Rückbau und Abriss weiter

Entscheidend ist die Gegenwart. Merz ist Kanzler. Er könnte Orientierung schaffen. Doch er lässt offen, ob Kernenergie wieder eine Option sein soll oder ob er nur im Rückblick austeilt. Wer „strategischer Fehler“ sagt, muss sagen, was er stattdessen will, aber genau das fehlt.

Kein Plan, nur „Kompensation“

Statt einer Korrektur-Ansage wird Merz in der Berichterstattung eher damit verbunden, die Folgen zu „kompensieren“, etwa durch neue Gaskraftwerke. Das ist keine Umkehr. Das ist ein Ersatzkonzept innerhalb des Ausstiegs. Wer Gas als Antwort setzt, akzeptiert den Atomausstieg faktisch als Endzustand.

Damit verschiebt sich das Thema von Energiepolitik zu Kommunikation. Merz kann sich als Kritiker eines Fehlers positionieren, ohne die Kosten einer echten Kehrtwende zu tragen. Das ist bequem. Es ist auch ein typisches Muster politischer Rhetorik: laut in der Diagnose, aber keine Antwort auf das „Wie“.

Rückbau läuft weiter und macht Aussagen unglaubwürdig

Parallel laufen die Prozesse in die entgegengesetzte Richtung. Der Rückbau der stillgelegten Anlagen geht weiter. Die Bundesaufsicht beschreibt den Rückbau als laufenden, langjährigen Prozess. Das schafft irreversible Fakten und reduziert jede spätere Option auf ein theoretisches Gedankenspiel.

Besonders sichtbar ist das bei Abrissen. Im Oktober 2025 wurden Kühltürme in Gundremmingen gesprengt. Am 16. Januar 2026 wurde der letzte Kühlturm des stillgelegten AKW Biblis abgerissen. Wer ernsthaft eine Korrektur erwägt, würde zumindest erklären, warum solche Irreversibilitäten trotzdem passieren.


Wahlkampfton im Kanzleramt

So entsteht der naheliegende Verdacht: Merz nutzt das Thema, um Unmut über Strompreise, Versorgung und Industriepolitik einzusammeln, ohne tatsächlich umsteuern zu wollen. Die Formulierung „strategischer Fehler“ liefert Empörung und Entlastung zugleich. Sie sagt: „Ich sehe es.“ Sie vermeidet aber: „Ich ändere es.“

Und genau hier wird Glaubwürdigkeit zum Engpass. Wenn Merz schon oft große Erwartungen geweckt hat, die später nicht eingelöst wurden, wirkt auch diese Aussage wie ein weiterer Testfall. Wer Vertrauen verspielt, bekommt es nicht durch noch härtere Worte zurück, sondern nur durch überprüfbare Schritte.

Fazit ohne Schonung

Stand heute spricht mehr für politische Inszenierung als für einen echten Kurswechsel. Merz benennt einen Fehler, liefert aber keine Korrektur und lässt zugleich den Rückbau weiterlaufen. Solange das so bleibt, ist die Atom-Kritik keine Energiepolitik, sondern eine hohle Parole mit Kanzlerstempel. (KOB)

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