In Neu Kaliß endet am 31. März die Produktion, weil Melitta die Fabrikschließung des erst wenige Jahre alten, modernen Werks in Heiddorf beschlossen hat. Das Werk Neu Kaliß, das zu Melitta gehört, stellte vor Kurzem noch vielfältige Spezialpapier-Sorten und Vliese her, darunter Kaffeefilterpapier, Tapetenvliese, elektrisch leitfähige Vliese sowie Papiere für Großbäckereien. 115 Arbeitsplätze in der Spezialpapier-Fertigung stehen damit vor dem Aus, und die Belegschaft erfuhr es in einer kurzfristigen Versammlung (nordkurier: 17.01.26).
Melitta und die überraschende Entscheidung im Werk
Die Botschaft kam für viele ohne Vorwarnung, auch die Leitung soll vor Ort bis kurz vor der Bekanntgabe keine Klarheit darüber gehabt haben. Melitta stoppt die Produktion vollständig, obwohl die Anlage technisch auf aktuellem Stand ist. Die Kündigungen folgen den Fristen und damit verschwinden 115 Arbeitsplätze Schritt für Schritt aus Neu Kaliß.

Burkhard Thees, Bürgermeister von Neu Kaliß und Amtsvorsteher im Amt Dömitz-Malliß, beschreibt die Lage als Zäsur. „Ich habe davon auch erst sehr kurzfristig erfahren und für die Gemeinde und für alle Menschen hier ist das ein enormer Tiefschlag, den wir sehr spüren werden. Für Neu Kaliß ist das einer der schlimmsten Tage in seiner Geschichte“. Damit verbindet sich nicht nur die Fabrikschließung, sondern auch ein direkter Bruch für Familien, die seit Jahren im Spezialpapier-Umfeld arbeiten.
Tradition, Steuern und die Lücke nach der Fabrikschließung
Mit dem Ende der Produktion bricht nach jetzigem Stand eine mehr als 225-jährige Papiertradition ab. Neu Kaliß verliert damit einen Teil seiner Identität. Thees betont, es gehe nicht um eine Insolvenz, sondern um die Aufgabe eines Standorts. Ein Vertreter des Markenriese bestätigte, dass Neu Kaliß-Heiddorf aufgegeben werden soll, jedoch blieben Details zunächst aus.
Für die Gemeindefinanzen entsteht eine spürbare Lücke, denn das Werk zählt zu den wichtigsten Steuerzahlern. Thees sagt: „Wir als Gemeinde werden es merken, weil mit der Papierfabrik natürlich auch unser wichtigster Steuerzahler ausfallen wird. Da habe ich noch keine Idee, wie wir das im Sinne der Vereine und der Bürger auffangen können“. Deshalb rückt neben den Arbeitsplätzen auch die Stabilität kommunaler Projekte in den Vordergrund.
Spezialpapier ohne Markt: Warum Jobs und Absatz wegbrechen
Als Kernproblem nennt Thees den Nachfrageeinbruch, denn der Markt für bestimmte Produkte trägt die Fertigung nicht mehr. „Nach dem, was bekannt ist, ist der Markt für die Spezialtapeten, die vor allem in Neu Kaliß hergestellt wurden, regelrecht zusammengebrochen. Tapeten sind wohl nicht mehr so im Trend. Dazu ist Russland als wichtiger Absatzmarkt weggefallen“. Damit trifft die Fabrikschließung nicht nur Neu Kaliß, sondern auch ein Segment, das auf wenige Abnehmer angewiesen war.
Gleichzeitig hält Thees an der bisherigen Zusammenarbeit fest, dennoch bleibt die Enttäuschung groß. „Wir als Gemeinde und ich auch persönlich können über Melitta nichts Schlechtes sagen. Wir haben immer einwandfrei zusammengearbeitet, uns geholfen“. Er verweist außerdem auf Investitionen und die moderne Linie, was die Chance auf eine Nachnutzung erhöht. Viele verbinden das mit der Hoffnung, dass Feinpapiere oder andere Papierprodukte künftig wieder am Standort entstehen.
Sozialplan, Perspektiven und die Suche nach einem neuen Standortmodell
Nach vorliegenden Informationen beginnen zeitnah Gespräche über sozialverträgliche Lösungen und dabei stehen Abfindungen, Qualifizierung und Vermittlung im Mittelpunkt. Für die 115 Jobs zählt ein belastbarer Plan, weil Alternativen in der Region begrenzt sind. Thees setzt parallel auf neue Industrie, weil nur so Arbeitsplätze in Neu Kaliß dauerhaft zurückkehren.
Thees formuliert diese Perspektive konkret: „Die Fabrik ist ja modern und da ist auch immer investiert worden, sodass ich die Hoffnung habe, dass es nach einer vernünftigen Abwicklung auch wieder eine Zukunft geben kann, dass hier etwas Neues entsteht. Vielleicht findet sich ja ein Käufer und ein anderes Unternehmen siedelt sich an.“ Damit hängt viel am Standort selbst, denn die Fabrikschließung muss nicht zwingend das Ende von Spezialpapier-Know-how in der Standortgemeinde bedeuten, wenn Investoren schnell handeln und Flächen nutzbar bleiben.
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