Meldestelle REspect! gibt Meldeportal auf – Kritik an privaten Meldestrukturen wächst

Sersheim – Die Meldestelle REspect! beendet zum Jahresende 2026 die bundesweite Bearbeitung von Hinweisen auf mutmaßlich rechtswidrige Online-Inhalte. Seit 2017 gingen rund 116.000 Meldungen ein, gut 29.000 davon leitete die Stelle an Strafverfolgungsbehörden weiter. Die Jugendstiftung Baden-Württemberg begründet den Rückzug mit dem erheblichen Ressourcenbedarf und den anhaltenden Kontroversen um die Meldetätigkeit. Gleichzeitig wächst die grundsätzliche Kritik an privaten Meldestrukturen, die Äußerungen vorsortieren und über den Trusted-Flagger-Status bevorzugten Zugang zu Plattformen erhalten. Hessen hat eine vergleichbare Struktur deshalb bereits deutlich zurückgebaut.


Meldestelle REspect! sitzt zwischen Bürger, Plattform und Staat

REspect! ist weder Polizei noch Staatsanwaltschaft und auch kein Gericht. Dennoch prüften Mitarbeiter gemeldete Äußerungen und entschieden, welche Fälle sie an Behörden oder Plattformen weitergaben. Damit entstand eine private Zwischenebene vor den eigentlichen rechtsstaatlichen Verfahren. Die strafrechtliche Entscheidung blieb zwar bei den zuständigen Behörden, doch bereits die Auswahl der weitergeleiteten Fälle verlieh der Meldestelle erheblichen Einfluss.

Die Meldestelle REspect! zieht wird abgewickelt. Die Kritik an privaten Hinweisgebern, Trusted Flaggern wächst
Die Meldestelle REspect! zieht wird abgewickelt. Die Kritik an privaten Hinweisgebern, Trusted Flaggern wächst
Bild: Johanna Wohlgemut, CC0, via Wikimedia Commons

Gerade bei Äußerungsdelikten ist diese Konstruktion besonders sensibel. Strafbare Bedrohungen oder Volksverhetzung müssen verfolgt werden, jedoch schützt das Grundgesetz auch scharfe und provozierende Meinungsäußerungen. Wo diese Grenze verläuft, ist häufig erst nach juristischer Prüfung eindeutig. Eine private Organisation nimmt deshalb eine anspruchsvolle Vorbewertung vor, obwohl sie selbst keine staatliche Ermittlungsbehörde ist.

Trusted Flagger verstärkt Einfluss privater Hinweisgeber

Mit der Zertifizierung als erster deutscher Trusted Flagger erhielt REspect! 2024 zusätzlich eine herausgehobene Stellung. Plattformen müssen Hinweise solcher Organisationen nach dem Digital Services Act bevorzugt bearbeiten. Die Meldestelle REspect! konnte zwar keine Löschung anordnen, ihre Meldungen erhielten jedoch einen gesetzlichen Vorrang gegenüber gewöhnlichen Nutzerhinweisen.

Wie relevant dieser Status praktisch ist, zeigen die Zahlen für 2025. REspect! meldete 1.576 Inhalte über das Trusted-Flagger-Verfahren. Plattformen löschten oder beschränkten anschließend 1.268 davon. Die endgültige Entscheidung traf jeweils der Betreiber, dennoch beeinflusst die vorgelagerte Auswahl wesentlich, welche Inhalte mit besonderer Priorität geprüft werden. Gerade deshalb gerät die Rolle privater und zugleich privilegierter Hinweisgeber zunehmend in den Mittelpunkt der Debatte.

Hessen warnt inzwischen vor einem „Klima des Anschwärzens“

Besonders deutlich fällt inzwischen die Kritik aus Hessen aus. Die Landesregierung hat ihre frühere Meldestelle „Hessen gegen Hetze“ erheblich zurückgebaut. Innenminister Roman Poseck verwies dabei auf Doppelstrukturen zu Polizei und Staatsanwaltschaft. Außerdem warnte er ausdrücklich vor einem „Klima des Anschwärzens“ und einer „ausufernden Tätigkeit“. Rund 93 Prozent der Meldungen hatten zuletzt keinen erkennbaren Hessenbezug.

Damit kommt eine zentrale Kritik inzwischen aus dem staatlichen System selbst. Polizei und Staatsanwaltschaften sind über Onlinewachen digital erreichbar, während Plattformen eigene gesetzliche Meldeverfahren bereitstellen müssen. Zusätzliche private Meldestellen müssen deshalb begründen, welchen rechtsstaatlichen Mehrwert ihre vorgeschaltete Prüfung noch bietet. Problematisch wird das Modell besonders dann, wenn private Auswahlentscheidungen mit staatlicher Finanzierung und regulatorischen Privilegien zusammentreffen.


Meldestelle REspect! zieht Konsequenzen aus anhaltender Debatte

Die Jugendstiftung spricht selbst von einem enormen Ressourcenbedarf und von Diskussionen, die vom eigentlichen Schwerpunkt ihrer Arbeit abgelenkt hätten. Für 2026 erhält das Projekt zwar weiterhin rund 424.500 Euro aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Finanzielle Kürzungen erklären den Rückzug daher nicht. Vielmehr verabschiedet sich die Stiftung ausgerechnet von jenem Bereich, der in den vergangenen Jahren politisch und rechtlich besonders umstritten war.

Ab 2027 will REspect! stärker auf Medienbildung, Künstliche Intelligenz und Desinformation setzen. Die Bundesnetzagentur prüft zugleich, was das Ende der Meldetätigkeit für den Trusted-Flagger-Status bedeutet. Strafbare Inhalte verschwinden damit selbstverständlich nicht aus dem Netz, doch ihre Verfolgung bleibt weiterhin Aufgabe von Plattformen, Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten. Das Ende des Meldeportals markiert deshalb vor allem einen Rückzug aus einer umstrittenen zusätzlichen Kontrollstruktur zwischen Bürger und Staat.

Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: Manova (14.08.26)Bietigheimer Zeitung (08.08.26)

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