Umweltminister Carsten Schneider fordert „Ein bisschen mehr Standort-Patriotismus“ von den Autokonzernen. Er will, dass die Hersteller Rohstoffe stärker in Deutschland und Europa kaufen (welt: 14.02.26). Doch die Forderung kommt zur Unzeit, denn die Branche kämpft mit Kosten und Absatzdruck. Gleichzeitig fehlen Reformen, die Produktion hier wieder rentabel machen könnten. Den geforderten Standort-Patriotismus können sich deutsche Unternehmen, die am Weltmarkt agieren, schlicht nicht leisten.
Standort-Patriotismus statt Standort-Reparatur
Schneider begründet seinen Kurs mit strategischer Unabhängigkeit und einer eigenen Stahlproduktion. Er wirbt für eine Beschaffung in Europa, weil Lieferketten so näher rücken sollen. Doch Standort-Patriotismus ersetzt keine Standortpolitik, weil Unternehmen nach Zahlen entscheiden. Wenn Energie und Abgaben drücken, kippt jedes Bekenntnis.

Auch Finanzminister Lars Klingbeil hat diesen Ton bereits angeschlagen. Er verlangte von Unternehmensführungen mehr „Standort-Patriotismus“ und setzte damit ebenfalls auf Appell ohne Entlastung. Seine Aussage klang zudem wie eine Bringschuld der Betriebe. Dabei liegen die entscheidenden Hebel in Berlin und Brüssel.
Teurer einkaufen, während die Marge schrumpft
Schneider will, dass deutsche Unternehmen „bevorzugt bei europäischen Anbietern“ einkaufen und zwar auch bei Rohstoffen. Das wirkt konsequent, jedoch bedeutet es praktisch immer höhere Preise. Gerade die Autoindustrie verliert damit Spielraum im globalen Wettbewerb. Wer Kosten erhöht, schwächt am Ende den Standort.
Hinzu kommt Schneiders Vorschlag für Brüssel: Mehremissionen sollen sich über den Einsatz von grünem Stahl in der Produktion „ausgleichen“ lassen, etwa bei Plug-in-Hybriden nach 2035. Damit wird Standort-Patriotismus zur regulatorischen Währung. Doch die Rechnung bleibt betriebswirtschaftlich eine Milchmädchenrechnung, weil Mehrkosten entweder die Marge fressen oder den Preis erhöhen. Beides trifft Absatz und Beschäftigung, nicht nur in Europa.
Jobabbau ist die Antwort der Realität
Die Politik fordert Treue, während Unternehmen bereits Strukturen abbauen. Werke stehen unter Rationalisierungsdruck und außerdem wandert Fertigung dorthin, wo Energie günstiger ist und Verfahren schneller laufen. Verbände warnen seit Langem, doch spürbare Entlastungen kommen nur stückweise. Deshalb wirkt Standort-Patriotismus wie eine Ausrede für ausbleibende Reformen. Und je länger das so bleibt, desto schneller geht Substanz verloren.
Ein Standort wird nicht durch Moral stabil, sondern durch Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, damit Investitionen nicht ins Risiko laufen. Sie brauchen zudem Genehmigungen, die Monate statt Jahre dauern. Und sie brauchen Kosten, die sich im Weltmarkt rechnen. Große international agierende Konzerne brauchen Deutschland nicht, aber Deutschland braucht die Konzerne, das schein einigen Politikern in Berlin immer noch nicht klar zu sein. Insbesondere der Ausstieg der USA aus der CO2-Bepreisung steigert den Druck auf die Produktionskosten der Automobilindustrie noch mehr. Wer da glaubt mit grünem Stahl dagegen halten zu können irrt sich gewaltig.
Reformen, die den Betrieb wieder möglich machen
Berlin müsste zuerst Strom und Netzkosten planbarer machen, weil Industrie Investitionen auf Jahre kalkuliert. Ebenso braucht es weniger Berichtspflichten und schnellere Verfahren, damit Projekte nicht im Aktenstapel sterben. Dazu gehört auch eine Reform der Steuer- und Abgabenlast, die Investitionen belohnt statt bestraft. Erst dann entsteht Bindung, weil der Standort funktioniert.
Solange diese Basis fehlt, bleibt Standort-Patriotismus ein politisches Wunschdenken. Er verschiebt Verantwortung auf Unternehmen, obwohl die Probleme von oben kommen. Er soll die Betriebe dazu bringen, Nachteile freiwillig zu akzeptieren. Aber letztendlich steigert er am Ende nur die Preise, aber am Weltmarkt kann man damit nicht bestehen. (KOB)
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