LNG-Mangel treibt Füllung der Speicher für den nächsten Winter um 11,7 Milliarden nach oben

Europas Gasversorgung gerät vor dem nächsten Winter unter akuten Druck, weil die Gasspeicher derzeit auf einem historischen Tiefststand gefüllt sind und zugleich die Iran-Krise zentrale LNG-Lieferwege bedroht. Auslöser sind die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran sowie die Einstellung der Produktion in Katar am weltweit größten LNG-Exportkomplex. Europa muss in diesem Sommer deutlich mehr Gas für die Füllung der Speicher einkaufen als im Vorjahr. Der zentrale Risikofaktor liegt in der starken Abhängigkeit von Flüssigerdgas, denn nach dem Rückzug von russischen Gasimporten stützt sich Europa immer stärker auf den Weltmarkt. Die Folgen sind bereits messbar: Es werden etwa 180 zusätzliche LNG-Ladungen benötigt, die Preise steigen deutlich und die Füllung der wird um Milliarden teurer (berliner-zeitung: 10.03.26).


Europas Gasspeicher starten mit gefährlich niedrigen Reserven

Die Lage ist angespannt, weil die Speicherstände in Europa weit unter dem Niveau der vergangenen Jahre liegen. Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre lagen die Reserven zu diesem Zeitpunkt bei etwa 45 Prozent. Aktuell liegt der Wert europaweit jedoch nur bei rund 29 Prozent, weshalb die Versorger deutlich mehr Gas für den Winter beschaffen müssen.

Iran-Krise verteuert die Füllung von Europas Gasspeichern - die Kosten erhöhen sich laut Analysten um 11 Milliarden Euro
Iran-Krise verteuert die Füllung von Europas Gasspeichern – die Kosten erhöhen sich laut Analysten um 11 Milliarden Euro

Nach Berechnungen von Analysten braucht Europa in diesem Sommer rund 67 Milliarden Kubikmeter Gas für seine Speicher. Das entspricht etwa 700 LNG-Ladungen und damit 180 mehr als im Vorjahr. Ein Teil dieser Mengen kommt zwar über Pipelines aus Norwegen, Algerien und in kleinerem Umfang aus Russland, jedoch dürfte der größte Anteil erneut über LNG gedeckt werden.

LNG wird für Europas zur Füllung der Speicher immer wichtiger

Die Verschiebung in der Gasversorgung fällt deutlich aus, denn LNG hat für Europa stark an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2021 lag der Anteil von Flüssigerdgas an der europäischen Gasversorgung noch bei rund 19 Prozent. Im vergangenen Jahr stieg dieser Wert jedoch auf mehr als 43 Prozent, weshalb Störungen im weltweiten LNG-Handel Europa heute viel härter treffen.

Gerade deshalb wiegt die Entwicklung im Nahen Osten schwer. Wenn wichtige Exportrouten blockiert werden und zugleich große Produktionsanlagen ausfallen, geraten Beschaffung, Preise und Versorgungssicherheit gleichzeitig unter Druck. Europa muss also nicht nur mehr Gas kaufen, sondern dieses Gas auch in einem deutlich schwierigeren Marktumfeld für die Füllung der Speicher sichern.

Iran-Krise treibt Preise und Risiko zugleich nach oben

Seit Beginn des Konflikts sind die Preise für Pipelinegas und LNG deutlich gestiegen. Der europäische Referenzgaspreis TTF kletterte zeitweise auf rund 59 Euro je Megawattstunde. Das war der höchste Stand seit der Energiekrise 2022, während der Markt immer nervöser auf neue Störungen reagiert.

Sollten die Probleme an der Straße von Hormus länger als einen Monat andauern, könnte sich die Lage weiter zuspitzen. Analysten warnen, dass Europas Speicher dann bis zum Ende des Winters auf ein historisches Tief fallen könnten. Wer mit der Füllung der Speicher zu spät beginnt, riskiert zudem einen Engpass bei den Transportkapazitäten, weil verfügbare LNG-Tanker und Lieferströme dann nicht mehr in ausreichendem Maß für Europa bereitstehen. Dadurch würden auch die Füllstände bis Ende Oktober niedriger ausfallen, weshalb die Sicherheitsreserve vor der Heizsaison schrumpfen würde.


Fehlende LNG-Mengen verteuern die Füllung massiv

Im Fall einer länger anhaltenden Störung könnten nach Analystenrechnungen rund sieben Millionen Tonnen LNG vom Weltmarkt verschwinden. Wegen der Konkurrenz aus Asien würde Europa davon effektiv etwa 5,5 Millionen Tonnen fehlen. Die Preise dürften dann klar über 60 Euro je Megawattstunde steigen, während hohe Preise die Einlagerung von Gas zugleich unattraktiver machen.

Die finanziellen Folgen sind schon jetzt enorm. Für die zusätzlichen 180 LNG-Ladungen, die Europa zur Speicherbefüllung braucht, stiegen die Kosten innerhalb weniger Tage von umgerechnet rund 5,8 Milliarden auf etwa 8,7 Milliarden Euro. Für die vollständige Sommer-Befüllung von 67 Milliarden Kubikmetern erhöhten sich die Kosten sogar um rund 11,7 Milliarden auf 34,5 Milliarden Euro.

Weltweiter Wettbewerb um LNG verschärft sich

Zusätzliche Mengen könnte Europa vor allem aus den USA beziehen, die bereits jetzt der wichtigste LNG-Lieferant der Region sind. Zugleich könnte aber auch Russland von der Krise profitieren, wenn Lieferungen aus Katar länger ausfallen. Europa hat seine frühere Abhängigkeit zwar reduziert, jedoch ist an ihre Stelle eine neue Verwundbarkeit durch den globalen LNG-Markt getreten.

Wie angespannt die Lage bereits ist, zeigen auch mehrere für Europa vorgesehene Tanker, die ihre Route auf offener See nach Asien änderten. LNG wird weltweit dorthin verkauft, wo der höchste Erlös winkt, deshalb konkurriert Europa direkt mit asiatischen Käufern um verfügbare Lieferungen. Damit hängt die Versorgung nicht nur vom eigenen Bedarf ab, sondern zugleich von den Preisgeboten anderer Weltregionen.

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