Das Weihnachtsgeschäft fiel schwächer aus als erhofft, und genau daran lässt sich die Lage vieler Haushalte ablesen. Nicht Zurückhaltung aus Prinzip führt beim Handel zur Konsumflaute, sondern der fehlende Spielraum im Portemonnaie. Die Inflation hat Grundkosten erhöht, während die Sozialabgaben weiter steigen. Gleichzeitig verteuert die CO2-Abgabe nicht nur Energie und Mobilität, sondern praktisch alle Produkte im Handel. Der angekündigte Ausgleich über das Klimageld bleibt ein gebrochenes Versprechen der Politik. Wer Fixkosten kaum noch deckt, streicht zuerst alles, was nicht zwingend ist. Die Mehrheit der Deutschen spart nicht, sie hat schlicht nicht mehr Geld zur Verfügung (focus: 02.01.26).
Konsum ist Wachstumstreiber – die Konsumflaute trifft die ganze Wirtschaft
Wenn private Haushalte weniger ausgeben, dann trifft das nicht nur den Handel, sondern die gesamte Konjunktur. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt gegenüber FOCUS online: „Der schwache Konsum bremst die deutsche Wirtschaft, denn weit mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung geht auf den privaten Konsum zurück“. Der Rückgang wird damit zum Standortthema, weil Nachfrage Investitionen stützt und Beschäftigung absichert.

Trotzdem verfängt in Debatten oft das Spar-Klischee und es verdeckt die Ursachen. Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), hält bereits den Begriff für schief. „Sparneigung“ klinge nach Tugend, aber „Er ist in der Tat nur ein anderes Wort für geringe Ausgaben“, sagt Weber. Geringe Ausgaben entstehen jedoch auch dann, wenn das Budget nicht reicht, und nicht nur dann, wenn jemand bewusst verzichtet.
Rezession und Unsicherheit drücken den Konsum – aber die Einkommenslücke entscheidet
Weber verweist auf die Großwetterlage, weil sie Erwartungen prägt. „Wir haben seit drei Jahren Rezession, die Industrie schrumpft, und eine Trendwende ist noch nicht erkennbar. Unsicherheit dämpft Investitionen.“ Unsicherheit wirkt wie eine Bremse, weil Menschen Anschaffungen verschieben und Betriebe vorsichtiger planen.
Die entscheidende Trennlinie verläuft jedoch beim Einkommen, und hier wird das „Sparen“ zur statistischen Illusion. Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), sagt: „Man muss zwischen unterschiedlichen Einkommensgruppen unterscheiden. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung hat praktisch keine finanziellen Spielräume, um zu sparen“. Wer keinen Spielraum hat, kann auch nicht „mehr konsumieren“, selbst wenn die Stimmung besser wäre.
Zugleich beobachtet Dullien, dass die reichere Hälfte oft Reserven besitzt, aber trotzdem zurückhaltend bleibt. Sie „hält sich aber derzeit trotzdem mit dem Konsum zurück“. Damit wirken zwei Mechanismen parallel, denn unten fehlt Geld und oben fehlt Zuversicht, während beide Effekte den Handel gleichzeitig treffen.
Preis-Schock im Alltag: Teurer leben, weniger kaufen
Zur Wahrheit gehört auch, dass nicht alle Beschäftigten von Lohnsteigerungen profitieren, weil gemessene Zuwächse vor allem Tarifbeschäftigte betreffen und damit nur knapp die Hälfte der abhängig Beschäftigten. Zudem bleibt der Preisschock im Alltag präsent, und er verändert Verhalten sofort. Dullien sagt: „Wenn im Restaurant alles etwa ein Viertel teurer ist als vor fünf Jahren, geht man weniger essen.“ Wer seltener essen geht, kauft auch weniger spontan, und das zieht sich durch viele Branchen.
Hinzu kommt der Druck auf Rücklagen, weil Erspartes real an Wert verliert. „Wer etwa 2000 Euro beiseitegelegt hatte, merkt jetzt vielleicht, dass bei 20 Prozent höheren Preisen diese Rücklage nicht mehr ausreichend ist“, sagt Dullien. Viele legen daher Geld zurück, aber nicht als Wohlstandsentscheidung, sondern als Reparatur des Sicherheitsnetzes.
Viele Haushalte ohne Puffer: Eine Rechnung genügt, und der Konsum bricht ein
Dullien beschreibt die Lage der unteren Gruppen sehr konkret: „Wir wissen, dass etwa die Hälfte der Haushalte kaum Ersparnisse hat. Wahrscheinlich hat mindestens ein Drittel der Haushalte wegen geringer Einkommen auch wirklich kaum Möglichkeiten, zu sparen.“ Wenn eine Waschmaschine kaputtgeht, dann wird aus „Sparen“ sofort Notverwaltung, weil die nächste Zahlung bereits Probleme macht.
Auch Fratzscher betont die soziale Spaltung, und er nennt Zahlen. Deutschland sei zwar Sparweltmeister, doch gleichzeitig hätten „knapp 30 Prozent aller Haushalte keinerlei Ersparnisse“. Seine Bewertung der Teuerung fällt hart aus: „Wir erleben eine zutiefst unsoziale Inflation“. Er verweist zudem darauf, dass Lebensmittelpreise in fünf Jahren um fast 40 Prozent gestiegen seien, und genau das trifft Haushalte, die den Großteil des Einkommens für Grundbedarf einsetzen.
Politik verstärkt Vorsicht, und Entlastung muss spürbar werden
Dullien sieht einen Teil der Bremswirkung auch in politischen Signalen, weil sie Erwartungen steuern. „Wer behauptet, dass in unseren Sozialsystemen überall massiv gekürzt werden müsse, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Menschen aus Verunsicherung mehr Geld zurücklegen.“ Wenn Angst wächst, dann sinkt Konsum, und dieser Effekt kommt zusätzlich zur finanziellen Enge.
Am Ende bleibt eine klare Aussage, die das Weihnachtsgeschäft erklärt und den Alltag vieler beschreibt: Viele Deutsche kaufen weniger, weil sie es sich nicht leisten können. Wer Konsum stärken will, muss Kaufkraft erhöhen und Grundkosten senken, und er muss angekündigte Ausgleiche wie das Klimageld so umsetzen, dass sie im Haushalt auch ankommen. Ohne spürbaren Spielraum bleibt die Konsumflaute strukturell und wird weiter anhalten.
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