Die Kernenergieagentur der OECD warnt Anfang Juli 2026 vor stark steigenden Kosten einer Energiewende ohne Kernkraft. Der weltweite Strombedarf könnte sich bis 2050 fast verdoppeln, weil Verkehr, Industrie und Rechenzentren mehr Elektrizität benötigen. Zugleich sollen Kohle und Gas als Reserve entfallen, weshalb Netze, Speicher und flexible Verbraucher größere Lücken ausgleichen müssen. Neue AKW könnten diese Systemkosten begrenzen, doch Kapitalmangel, fehlende Fachkräfte und schwache Lieferketten bremsen den nötigen Ausbau.
Kernenergieagentur sieht Kosten jenseits der Kraftwerke
Wind- und Solaranlagen erzeugen Strom häufig günstig, doch ihre Kraftwerkskosten erfassen nicht das gesamte Versorgungssystem. Bei Flauten müssen andere Anlagen, Speicher oder Importe einspringen, denn Erzeugung und Verbrauch müssen jederzeit übereinstimmen. Deshalb steigen mit ihrem Anteil die Ausgaben für Netze, Regelenergie, Reserven und Eingriffe in den Verbrauch.

Die Kernenergieagentur bewertet Kernkraft deshalb als steuerbare Ergänzung zu Wind, Sonne und Wasserkraft. Reaktoren liefern über lange Zeiträume planbaren CO₂-armen Strom und senken damit den Bedarf an Ersatzkapazitäten. Das Modell schließt Erneuerbare jedoch nicht aus, sondern sucht einen kostenarmen Mix aus mehreren Technologien. Ohne steuerbare Leistung müssten Verbraucher mehr Speicher, Netze und Flexibilitätsprogramme finanzieren.
Investitionen müssten zeitweise fast auf das Zwanzigfache steigen
Das Ausbauziel bleibt jedoch weit von der heutigen Realität entfernt. Die weltweite Kernkraftleistung liegt bei rund 400 Gigawatt, während 38 Staaten eine Verdreifachung bis 2050 unterstützen. Im Trendszenario der NEA wächst die Kapazität nur auf 619 Gigawatt. Erst das transformative Szenario erreicht etwa 1324 Gigawatt und damit mehr als das Dreifache.
In den OECD-Staaten flossen zuletzt durchschnittlich zwölf Milliarden Dollar jährlich in neue Reaktoren. Für das höchste Szenario wären jedoch im Mittel 143 Milliarden Dollar pro Jahr nötig. In den 2030er Jahren könnte der Bedarf sogar fast 200 Milliarden Dollar erreichen. Außerdem müsste die gleichzeitig gebaute Leistung von rund neun auf mehr als 40 Gigawatt steigen.
Fachkräfte und Lieferketten begrenzen den AKW-Ausbau
Die Kernenergieagentur nennt fehlendes Personal als eine zentrale Hürde. Viele Fachleute des früheren Baubooms sind pensioniert, während westliche Staaten jahrzehntelang nur wenige Reaktoren errichteten. Deshalb fehlen heute erfahrene Planer, Schweißer, Bauleiter und Spezialisten für sicherheitsrelevante Komponenten. Auch Hersteller großer Reaktordruckbehälter verfügen nur über begrenzte Kapazitäten. China und Russland bauen zwar seriennäher, doch westliche Länder meiden neue strategische Abhängigkeiten.
Die Aussagen gelten jedoch nicht unverändert für jedes Land. Schweizer Modelle zeigen, wie stark Wasserkraft, Stromhandel, Baukosten und Finanzierung das Ergebnis verändern. ETH Zürich und PSI halten neue AKW unter heutigen Bedingungen meist für unwirtschaftlich. Mit staatlichen Garantien und niedrigeren Baukosten können Reaktoren jedoch Teil des günstigsten Mixes werden. Der Energiespeicherplan der AEE Suisse sieht Kernkraft dagegen nur bei dauerhafter Isolation als kostenoptimal. Bei zeitweise begrenztem Stromhandel schneiden flexible thermische Kraftwerke günstiger ab. Die OECD-Analyse belegt deshalb keinen allgemeingültigen Preisvorteil, sondern zeigt die Kosten verschiedener Systementscheidungen.
Verfasser: Blackout News
Verwendete Quellen: NZZ (06.07.26) – S&P Global (06.07.26) – OECD NEA (02.07.26) – ETH Zürich (29.06.26) – aeesuisse (Stand:14.07.26)
